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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung314
Dies schätzte die Politische Abteilung als „politisch folgenschwer“ und ver-
werflich ein.19 Die offizielle Warnung, sich nicht von den scheinbaren Reich-
tümern des Westens beeindrucken zu lassen, schlugen die Sowjetsoldaten in
den Wind. Stattdessen waren Offiziere ebenso wie Mannschaftssoldaten da-
rauf versessen, „die seltsame, köstliche Welt der bürgerlichen Dekadenz“ zu
erforschen.20 Plünderungen waren eine der Folgen.
Wie der eingangs erwähnte Fall des NKVD-Offiziers Michail Žiľcov illus-
triert, registrierten die Politabteilungen Kritik am kommunistischen System
genau. Sie fassten derartige Bekundungen unter der Rubrik „negative poli-
tische“ bzw. „politisch gefährliche Äußerungen“ zusammen, wobei sie diese
als ebenso verdammenswert einstuften wie Desertion oder „amoralische Er-
scheinungen“. Meist sahen sie die Vorfälle als Resultat der „politischen und
allgemeinen Zurückgebliebenheit“ des „Schuldigen“. So galt es als Verbre-
chen, „Leben und Ordnung der kapitalistischen Länder“ zu „preisen“. Die
Strafen bestanden primär in Parteiausschlüssen und Degradierungen, wo-
durch sie zwei zentrale Bereiche des Auslandseinsatzes betrafen.21
Als etwa ein in Österreich stationierter Sergeant namens Parachin am 10.
Jänner 1946 bei einer politischen Schulung betonte, das Recht auf kostenlose
medizinische Versorgung stehe nur in der sowjetischen Verfassung und wür-
de in Wirklichkeit nicht umgesetzt werden, führte der Chef der zuständigen
Politabteilung persönlich eine Untersuchung durch. Die übrigen Unteroffi-
ziere unterrichtete man über die „Gefährlichkeit“ der Aussage. Und wenig
später verurteilte eines der Militärtribunale Parachin – angeblich wegen der
Beteiligung an einem Diebstahl – zu zwei Jahren Disziplinarbataillon. Sein
Fall galt ebenso wie jener von Žiľcov als Beispiel für die „politische Zurück-
gebliebenheit“ der Betroffenen und für die Schwäche der politisch-erzieheri-
schen Arbeit im „kapitalistischen Umfeld“, dessen „Hohlheit“ und „Nicht-
Lebensfähigkeit“ entlarvt werden sollten.22
19 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 11, S. 158f., Direktive Nr. 00811 des Leiters der Politischen Abteilung der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Nanejšvili, über
eine Verbesserung der erzieherischen Arbeit innerhalb des Mannschaftsstammes, 4.7.1945. Abge-
druckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 64.
20 Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 91.
21 Vgl. dazu: RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 193–199, hier: S. 194, Bericht des Leiters der MVD-Trup-
pen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Zimin-Kovalev, und des Leiters der Politabteilung der
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, über den politisch-moralischen
Zustand und die militärische Disziplin unter den MVD-Truppen im 3. Quartal 1946, 10.10.1946.
22 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 114, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918