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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung328
Vaterlandsverrats in ihrer Biografie hinzu. Welcher Stellenwert der Überprü-
fung der Kader zukam, zeigt der Fall des 383. NKVD-Grenzregiments. Hier
war ein besonders starker Anstieg militärischer Vergehen zu beobachten: von
129 Fällen im 2. Quartal auf 150 Fälle im 3. Quartal 1946. Einen der Haupt-
gründe dafür sah die Politabteilung der Truppen in der „hohen Durchsetzung
des Regiments mit verbrecherischen und politisch-moralisch unzuverlässigen
Elementen“. Dies erklärte man folgendermaßen: „Zum Zeitpunkt der Aufstel-
lung des Regiments traten sehr viele vorbestrafte Soldaten, Unteroffiziere und
Offiziere in den Dienst, die nicht überprüft worden waren und die aufgrund
ihrer fachlichen und moralischen Qualitäten nicht vertrauenswürdig gewesen
wären.“66 Ein Teil der Offiziere, so ein weiterer Vorwurf, würde sich nur un-
gern der Erziehung und parteipolitischen Schulung der Soldaten widmen.67
Besonders intensiv durchleuchtete man Parteimitglieder. Ihnen kam nicht
nur eine Vorbildwirkung zu, sie hafteten bis zu einem gewissen Grad auch
für Vergehen in ihrem Umfeld. Ein Beispiel für eine derartige Parteiüber-
prüfung ist der Fall von Aleksandr Kozlov, seit November 1943 Mitglied der
VKP(b). Dabei zeigte sich folgendes Bild des aus dem Arbeitermilieu stam-
menden NKVD-Offiziers: „Der Partei Lenins-Stalins und dem Sozialistischen
Vaterland ergeben, moralisch standhaft, ideologisch beherrscht. Persönlich
diszipliniert. Nimmt an der Partei-Massenarbeit teil. Erfüllt die Parteiauf-
gaben gewissenhaft und gut. Politisch entwickelt. Arbeitet ausreichend an
sich.“68 Weitere – offensichtlich zufriedenstellende – Eigenschaften Kozlovs
lauteten: „In der Lebensweise bescheiden, mit den Genossen umgänglich,
verfügt über Autorität in der Parteiorganisation, hat keine Parteistrafen.“
Allerdings stellte der zuständige Parteigruppenorganisator auch ein Manko
fest: „Genosse Kozlov beteiligte sich als Kommunist unzureichend an der Er-
ziehung des Personals, weswegen es in der Unterabteilung eine beachtliche
Zahl amoralischer Vorfälle, insbesondere Trunkenheit, gibt.“ Einmal mehr
führte man Disziplinarvergehen auf mangelnde ideologische und politisch-
moralische Schulung zurück. Die Schuld traf dabei auch Kozlov. Als Kom-
munist, so die Schlussfolgerung, hätte er sich stärker in die Erziehung ein-
bringen müssen.69
66 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 193–199, hier: S. 197, Bericht des Leiters der MVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Zimin-Kovalev, und des Leiters der Politabteilung der MVD-
Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, über den politisch-moralischen Zu-
stand und die militärische Disziplin unter den MVD-Truppen im 3. Quartal 1946, 10.10.1946.
67 Ebd.
68 RGVA, F. 32903, op. 1, d. 352, S. 13f., Protokoll der Sitzung des Parteibüros des 91. NKVD-Grenzre-
giments vom 8.5.1945 [frühestens am 8.5.1945].
69 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918