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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung362
und Regierungschefs in meinen Ausführungen mit Schimpfwörtern. Zu-
gleich lobte ich die bürgerlichen Strukturen, speziell das Leben in Österreich.
Ich verkündete, dass meine Heimat nicht die Sowjetunion sei, sondern Öster-
reich.“ Zeugen bestätigten die „antisowjetischen Äußerungen“ vor Gericht.176
Wie eingangs erwähnt, verurteilte das Militärtribunal des Truppenteils
28990 den Besatzungssoldaten nach Artikel 58-1 („Vaterlandsverrat“) und 58-
10 („Antisowjetische Propaganda“) zum Tod durch Erschießen. Sein Gnaden-
gesuch schmetterte der Vorsitzende des Obersten Gerichts, Anatolij A. Volin,
mit den stereotypen Worten ab: „Ich erachte das Urteil des Militärtribunals
im Falle Syčevs als richtig.“177 Dessen Schicksal stellte keinen Einzelfall dar.
Dienst in der deutschen Polizei
Auch der in Österreich stationierte Besatzungssoldat Sergeant Fedor
Antonovič Ratiev kam wegen seiner Kriegsvergangenheit bzw. wegen
Kriegsverbrechen vor das sowjetische Militärtribunal in Baden. Ihm war es
gelungen, im März 1944 unter dem falschen Nachnamen Muratov in die Rote
Armee einzutreten, wo er bis zum Tag seiner Verhaftung, dem 31. Dezem-
ber 1949, diente. Wie die Untersuchungsorgane letztendlich herausfanden,
dass es sich bei dem ehemaligen Komsomolmitglied und tapferen, mit dem
Rotbannerorden und drei Medaillen ausgezeichneten Sergeanten Muratov
eigentlich um den ehemaligen deutschen Polizisten Ratiev handelte, ist nicht
überliefert.178
Das Gnadengesuch an den Obersten Sowjet der UdSSR und die Begrün-
dung für dessen Ablehnung durch das Oberste Gericht schildern seinen Fall
folgendermaßen: Ratiev, der im Gebiet Voronež lebte, trat im August 1942
auf Rat seiner Mutter in den Dienst der deutschen Polizei ein. Als Polizist
nahm er Durchsuchungen und Verhaftungen sowjetischer Bürger vor, es-
kortierte Transporte zu Exekutionsstätten und war selbst an der Erschießung
von zehn Personen, darunter Mitglieder der Kommunistischen Partei und
des Komsomol, beteiligt. Im August 1943 trat Ratiev in die Wehrmacht ein
und diente dort bis Februar 1944. Beim Vorrücken der Roten Armee gab er
sich unter dem Pseudonym Muratov als Dorfbewohner im Gebiet Kamenec-
Podoľsk aus, wodurch ihm die Aufnahme in die sowjetischen Truppen ge-
lang.
176 Ebd.
177 Ebd.
178 GARF, F. 7523, op. 66, d. 102, S. 13–15, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gnadengesuch
von Fedor Ratiev, 19.4.1950.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918