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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin, Strafverfolgung362 und Regierungschefs in meinen Ausführungen mit Schimpfwörtern. Zu- gleich lobte ich die bürgerlichen Strukturen, speziell das Leben in Österreich. Ich verkündete, dass meine Heimat nicht die Sowjetunion sei, sondern Öster- reich.“ Zeugen bestätigten die „antisowjetischen Äußerungen“ vor Gericht.176 Wie eingangs erwähnt, verurteilte das Militärtribunal des Truppenteils 28990 den Besatzungssoldaten nach Artikel 58-1 („Vaterlandsverrat“) und 58- 10 („Antisowjetische Propaganda“) zum Tod durch Erschießen. Sein Gnaden- gesuch schmetterte der Vorsitzende des Obersten Gerichts, Anatolij A. Volin, mit den stereotypen Worten ab: „Ich erachte das Urteil des Militärtribunals im Falle Syčevs als richtig.“177 Dessen Schicksal stellte keinen Einzelfall dar. Dienst in der deutschen Polizei Auch der in Österreich stationierte Besatzungssoldat Sergeant Fedor Antonovič Ratiev kam wegen seiner Kriegsvergangenheit bzw. wegen Kriegsverbrechen vor das sowjetische Militärtribunal in Baden. Ihm war es gelungen, im März 1944 unter dem falschen Nachnamen Muratov in die Rote Armee einzutreten, wo er bis zum Tag seiner Verhaftung, dem 31. Dezem- ber 1949, diente. Wie die Untersuchungsorgane letztendlich herausfanden, dass es sich bei dem ehemaligen Komsomolmitglied und tapferen, mit dem Rotbannerorden und drei Medaillen ausgezeichneten Sergeanten Muratov eigentlich um den ehemaligen deutschen Polizisten Ratiev handelte, ist nicht überliefert.178 Das Gnadengesuch an den Obersten Sowjet der UdSSR und die Begrün- dung für dessen Ablehnung durch das Oberste Gericht schildern seinen Fall folgendermaßen: Ratiev, der im Gebiet Voronež lebte, trat im August 1942 auf Rat seiner Mutter in den Dienst der deutschen Polizei ein. Als Polizist nahm er Durchsuchungen und Verhaftungen sowjetischer Bürger vor, es- kortierte Transporte zu Exekutionsstätten und war selbst an der Erschießung von zehn Personen, darunter Mitglieder der Kommunistischen Partei und des Komsomol, beteiligt. Im August 1943 trat Ratiev in die Wehrmacht ein und diente dort bis Februar 1944. Beim Vorrücken der Roten Armee gab er sich unter dem Pseudonym Muratov als Dorfbewohner im Gebiet Kamenec- Podoľsk aus, wodurch ihm die Aufnahme in die sowjetischen Truppen ge- lang. 176 Ebd. 177 Ebd. 178 GARF, F. 7523, op. 66, d. 102, S. 13–15, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gnadengesuch von Fedor Ratiev, 19.4.1950.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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