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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 368 -
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I. Ideologie, Disziplin, Strafverfolgung368 gnadigte ihn das Präsidium des Obersten Sowjets und wandelte die Todes- in eine 25-jährige ITL-Haftstrafe um.207 Der Grund dafür liegt wohl darin, dass das Präsidium in seinen Taten keine „konterrevolutionäre“ Absicht sah und dem Militärtribunal anscheinend ein Formalfehler unterlaufen war – der Ar- tikel 58-8 unterlag nicht dem Ukaz vom 13. Jänner 1950 über die Verhängung der Todesstrafe bei den genannten Vergehen. 2.2.4 Desertion und Vaterlandsverrat „Spionage, Preisgabe einer geheimen militärischen oder staatlichen Informa- tion, Überlaufen auf die Seite des Feindes, Flucht oder Absetzen ins Ausland“ fielen, wie bereits erwähnt, laut sowjetischer Definition unter den Begriff des „Vaterlandsverrats“. Bei mindestens zwei Besatzungssoldaten verhängte das Militärtribunal der Zentralen Gruppe der Streitkräfte ab 1950 nach Paragraf 58-1 („Vaterlandsverrat“) die Todesstrafe. Beide waren mehrmals desertiert und dadurch in die Mühlen des Stalin’schen Strafsystems geraten. Angaben des Obersten Gerichts der UdSSR zufolge, desertierte der aus dem Gebiet Tula stammende Michail V. Lapin erstmals 1944 aus den Fronttruppen der Roten Armee. Der damals erst 19-Jährige kam zunächst in eine Militäreinheit im Bezirk Odessa, desertierte im August 1944 erneut und wurde nach seiner nur wenige Tage später erfolgten Festnahme in eine Strafkompanie versetzt. Während des Vormarsches in Ungarn beging Lapin schließlich zum dritten Mal Fahnenflucht, hielt sich versteckt und lebte von Plünderungen der örtlichen Bevölkerung.208 In seinem Gnadengesuch schil- dert der Verurteilte diese Etappe folgendermaßen: „Im März 1945 desertierte ich im betrunkenen Zustand aus der Strafkompanie, danach wurde ich von der Kommandantur in Österreich festgehalten. Sie schickten mich in eine Schule für Sanitätspersonal.“209 Anscheinend gelang Lapin die Aufnahme in die Frontkurse für Sanitäts- instrukteure im Mai 1945 „auf betrügerische Weise“. Im Juli 1945 desertierte er abermals und hielt sich bis September 1945 unter dem falschen Namen Za- muraev in Ungarn, Österreich und Deutschland versteckt.210 Als Beweggrund 207 AdBIK, Datenbank verurteilter österreichischer Zivilisten in der UdSSR. 208 GARF, F. 7523, op. 76, d. 45, S. 6–8, hier: S. 6f., Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gnaden- gesuch von Michail Lapin, 29.9.1951. Vgl. dazu und zum Folgenden: Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 34; Lavinskaja, Das Militärtribunal der Zentralen Gruppe der Sowjetischen Streitkräf- te, S. 208; Petschnigg, Stimmen aus der Todeszelle, S. 442–444. 209 GARF, F. 7523, op. 76, d. 45, S. 9–13, hier: S. 10, Gnadengesuch von Michail Lapin an das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR, 14.8.1951. 210 GARF, F. 7523, op. 76, d. 45, S. 6–8, hier: S. 7, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gnadenge- such von Michail Lapin, 29.9.1951.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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