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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 383
2.3.3. Die dreifache Versuchung: „Frauen, Wertgegenstände, Wein“
Die zuständigen Politabteilungen gaben primär dem unzureichenden „poli-
tischen Bewusstsein“ und der generellen Undiszipliniertheit eines Teils der
Truppen für derartige Vorkommnisse die Schuld. Die Fälle von „Diebstahl,
Raub und Gewalt gegen die örtliche Bevölkerung“ führte man darauf zurück,
dass eine Reihe von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaftssoldaten
„nicht die Ziele und Aufgaben des Dienstes in Österreich, unser Verhältnis
zur örtlichen Bevölkerung verstehen“ würden. Besondere Schuld traf dabei
„jene Kategorie von Offizieren, die anstelle eines entschiedenen Kampfes ge-
gen dieses Übel“ Plünderungen selbst begingen oder organisierten.265 Man-
che Kommandanten und häufiger noch Befehlshaber einzelner in Dörfern
untergebrachter Einheiten benahmen sich „buchstäblich wie Feudalfürsten“,
kritisierte der politische Berater Kiselev im August 1945. In Neunkirchen bei-
spielsweise wäre auf Anordnung des Generalleutnants der Panzertruppe,
Rossijanov, die gesamte Stadt „regelrecht ausgeraubt“ worden.266
Ein weiteres Problem bestand in der personellen Zusammensetzung der
Armee. Zahlreiche Regimenter seien nicht aus den „besten Armeeangehöri-
gen“, sondern vorwiegend aus den „undiszipliniertesten Offizieren, Unterof-
fizieren und Mannschaftssoldaten“ gebildet worden, die eine „Schwäche für
Wein und Frauen“ hätten, kritisierte der NKVD. Die Offiziere gingen somit
selbst nicht mit leuchtendem Vorbild voran.267 Der 1925 in Rostov geborene
Aleksandr Konoplev, der als Hauptmann des 5. Don-Kosaken-Korps bei der
Befreiung Österreichs mitwirkte, erinnert sich etwa: „In dieser Division wa-
ren Georgier und Kasachen und Russen und Ukrainer und Sträflinge aus Ge-
fängnissen. Wer seine Schuld mit Blut reinwaschen wollte, der wurde also
befreit und so wurde unsere Division formiert. Der Kommandeur dieser Di-
vision war Generalleutnant Belošvičenko. Die Deutschen bezeichneten diese
265 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 25–41, hier: S. 34, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung,
Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Inneren Truppen des NKVD, Generalleutnant Sladkevič, über
den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin in den NKVD-Truppen im 4.
Quartal 1945, 10.1.1946.
266 AVP RF, F. 06, op. 7, p. 26, d. 322, S. 20–26, Bericht von Kiselev und des Stellvertreters des politi-
schen Beraters, Spičkin, über die politische Stimmungslage in der sowjetischen Besatzungszone in
Wien, 15.8.1945. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich,
Dok. Nr. 67.
267 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 360–381, hier: S. 365, Bericht des Leiters des 336. NKVD-Grenzregi-
ments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters der Politabteilung, Major Čurkin, an den Leiter
der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, über
den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin des
Regiments im 3. Quartal 1945 [Oktober 1945].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918