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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin, Strafverfolgung410 Gerüchte über Vergewaltigungen ver- breiteten sich wie ein Lauffeuer und eilten den vorrückenden sowjetischen Soldaten zu Kriegsende voraus. Sie fie- len auf den fruchtbaren Boden des aus antikommunistischen, rassistischen und antisemitischen Vorstellungen konzipierten NS-Feindbildes. Dabei schürte die deutsche Propaganda ge- zielt die Angst vor Übergriffen durch die Rote Armee auch, um die ausgege- benen Durchhalteparolen wirksamer zu machen. Der Ruf „Die Russen kom- men!“ entwickelte sich zu einem Syno- nym für Grauen und Schrecken. Diese Kombination aus tatsächlicher und überlieferter Erfahrung, latentem An- tislawismus mit seinen Wurzeln im 19. Jahrhundert, jahrelang indoktrinierten Vorstellungen des „slawischen Unter- menschen“ und einer gewissen Sensa- tionsgier führte dazu, dass die sowjetische Besatzungsmacht in Österreich bis heute überproportional negativ konnotiert ist.355 Die genauen Zahlen sexueller Übergriffe werden allerdings immer unbe- kannt bleiben. Oftmals wurde aus Scham weder Anzeige erstattet noch eine ärztliche Untersuchung in Anspruch genommen. In Ostpreußen nahm die Gewalt ihre furchtbarsten Ausmaße an. Aber auch in allen Gebieten, die die Rote Armee befreite und besetzte, waren Vergewaltigungen an der Tagesord- nung. Schätzungsweise ereilte 1,9 Millionen deutsche Frauen und Mädchen während des Vormarsches der Roten Armee bis Berlin dieses Schicksal, da- von 1,4 Millionen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten (während Flucht und Vertreibung) und eine halbe Million in der späteren sowjetischen Besat- zungszone. Allein in Berlin wurden bis Herbst 1945 mindestens 110.000 Frau- en (oder rund sieben Prozent der Einwohnerinnen) vergewaltigt. Über vier Millionen Rotarmisten waren an den Kämpfen auf deutschem Boden, über 450.000 in Berlin beteiligt. Rein statistisch gesehen wurde jeder Zweite, in Berlin jeder Vierte von ihnen zum Täter. De facto werden es je- doch zahlenmäßig weniger gewesen sein. Diese Täter dürften dafür zu einem 355 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 424f. Abb. 54: Deckblatt der 1942 vom Reichs- führer-SS herausgegebenen Propagandab- roschüre „Der Untermensch“, die gezielt ein antisowjetisches Feindbild – auch gegen die „fanatischen Flintenweiber“ – schürte. (Quelle: Sammlung Stelzl-Marx)
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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