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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung410
Gerüchte über Vergewaltigungen ver-
breiteten sich wie ein Lauffeuer und
eilten den vorrückenden sowjetischen
Soldaten zu Kriegsende voraus. Sie fie-
len auf den fruchtbaren Boden des aus
antikommunistischen, rassistischen
und antisemitischen Vorstellungen
konzipierten NS-Feindbildes. Dabei
schürte die deutsche Propaganda ge-
zielt die Angst vor Übergriffen durch
die Rote Armee auch, um die ausgege-
benen Durchhalteparolen wirksamer
zu machen. Der Ruf „Die Russen kom-
men!“ entwickelte sich zu einem Syno-
nym für Grauen und Schrecken. Diese
Kombination aus tatsächlicher und
überlieferter Erfahrung, latentem An-
tislawismus mit seinen Wurzeln im 19.
Jahrhundert, jahrelang indoktrinierten
Vorstellungen des „slawischen Unter-
menschen“ und einer gewissen Sensa-
tionsgier führte dazu, dass die sowjetische Besatzungsmacht in Österreich bis
heute überproportional negativ konnotiert ist.355
Die genauen Zahlen sexueller Übergriffe werden allerdings immer unbe-
kannt bleiben. Oftmals wurde aus Scham weder Anzeige erstattet noch eine
ärztliche Untersuchung in Anspruch genommen. In Ostpreußen nahm die
Gewalt ihre furchtbarsten Ausmaße an. Aber auch in allen Gebieten, die die
Rote Armee befreite und besetzte, waren Vergewaltigungen an der Tagesord-
nung. Schätzungsweise ereilte 1,9 Millionen deutsche Frauen und Mädchen
während des Vormarsches der Roten Armee bis Berlin dieses Schicksal, da-
von 1,4 Millionen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten (während Flucht
und Vertreibung) und eine halbe Million in der späteren sowjetischen Besat-
zungszone. Allein in Berlin wurden bis Herbst 1945 mindestens 110.000 Frau-
en (oder rund sieben Prozent der Einwohnerinnen) vergewaltigt.
Über vier Millionen Rotarmisten waren an den Kämpfen auf deutschem
Boden, über 450.000 in Berlin beteiligt. Rein statistisch gesehen wurde jeder
Zweite, in Berlin jeder Vierte von ihnen zum Täter. De facto werden es je-
doch zahlenmäßig weniger gewesen sein. Diese Täter dürften dafür zu einem
355 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 424f.
Abb. 54: Deckblatt der 1942 vom Reichs-
führer-SS herausgegebenen Propagandab-
roschüre „Der Untermensch“, die gezielt
ein antisowjetisches Feindbild – auch gegen
die „fanatischen Flintenweiber“ – schürte.
(Quelle: Sammlung Stelzl-Marx)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918