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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 427 -
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 427 wurde zu fünf Jahren verurteilt.“412 In einem Bericht über die Lage in der Garnison Freistadt wurden Vergewaltigungen in derselben Kategorie von Vergehen zusammengefasst wie Plünderungen und Ausschreitungen. Alko- holexzesse fielen hingegen in eine eigene Rubrik.413 Die Trias aus Kontrolle – Schulung – Bestrafung erwies sich in vielen Fäl- len als nicht effektiv. Trotz der klaren Anordnung, „unmoralischem“ Verhal- ten der Sowjetsoldaten einen Riegel vorzuschieben bzw. Vergehen sofort zu ahnden, blieben zahlreiche sexuelle Übergriffe – im wahrsten und im über- tragenen Sinn des Wortes – im Dunkeln. Dem Ansehen der Roten Armee, die sich selbst als „Befreierin“ und „Friedensbringerin“ definierte, fügten die Vergewaltigungen jedenfalls nachhaltigen Schaden zu. Sie trugen dazu bei, das von der NS-Propaganda geprägte Bild der Roten Armee als einer „wilden Horde aus dem Osten“ zu verstärken.414 Nach außen hin reagierten die sow- jetischen Stellen mit dem Versuch, derartige Vorfälle zu bagatellisieren oder totzuschweigen. Die überlieferten Reaktionen von Stalin selbst passen genau in dieses Bild. 2.5.7 Zwischen Tabu und Bagatellisierung So sehr man intern versuchte, die Disziplin in der Armee zu heben, so sehr bemühten sich die sowjetischen Machthaber, möglichst wenig von diesen Pro- blemen nach außen sickern zu lassen. Vorwürfe empfand man als Schmäle- rung des gewaltigen Einsatzes der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg und als Versuch, ihre Ehre – und damit jene der gesamten Nation – in den Schmutz zu ziehen. Zudem erfuhr das Thema im konfrontativen Diskurs des Kalten Krieges eine zweifache Instrumentalisierung: Einerseits warfen die „Feinde der Sowjetunion“ die Übergriffe übertrieben und pauschal der gesamten Ro- ten Armee vor. Nichts passte idealer in ein propagandistisches Konzept des Antikommunismus als die Vergewaltigungen. Übergriffe seitens westalliierter Soldaten dagegen wurden verdrängt. Andererseits wehrten die Sowjets jeg- lichen Vorwurf als Affront und als Nichtanerkennung der erbrachten Opfer und Leistungen ab. Sie wollten sich dem Thema öffentlich entziehen. 412 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 244, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD- Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Lei- ter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945]. 413 CAMO, F. 894, op. 1, d. 66, S. 354–356, hier: S. 355, Bericht einer Kommission der CGV über die Lage in der Garnison Freistadt, 28.10.1945. 414 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 430.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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