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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 427
wurde zu fünf Jahren verurteilt.“412 In einem Bericht über die Lage in der
Garnison Freistadt wurden Vergewaltigungen in derselben Kategorie von
Vergehen zusammengefasst wie Plünderungen und Ausschreitungen. Alko-
holexzesse fielen hingegen in eine eigene Rubrik.413
Die Trias aus Kontrolle – Schulung – Bestrafung erwies sich in vielen Fäl-
len als nicht effektiv. Trotz der klaren Anordnung, „unmoralischem“ Verhal-
ten der Sowjetsoldaten einen Riegel vorzuschieben bzw. Vergehen sofort zu
ahnden, blieben zahlreiche sexuelle Übergriffe – im wahrsten und im über-
tragenen Sinn des Wortes – im Dunkeln. Dem Ansehen der Roten Armee,
die sich selbst als „Befreierin“ und „Friedensbringerin“ definierte, fügten die
Vergewaltigungen jedenfalls nachhaltigen Schaden zu. Sie trugen dazu bei,
das von der NS-Propaganda geprägte Bild der Roten Armee als einer „wilden
Horde aus dem Osten“ zu verstärken.414 Nach außen hin reagierten die sow-
jetischen Stellen mit dem Versuch, derartige Vorfälle zu bagatellisieren oder
totzuschweigen. Die überlieferten Reaktionen von Stalin selbst passen genau
in dieses Bild.
2.5.7 Zwischen Tabu und Bagatellisierung
So sehr man intern versuchte, die Disziplin in der Armee zu heben, so sehr
bemühten sich die sowjetischen Machthaber, möglichst wenig von diesen Pro-
blemen nach außen sickern zu lassen. Vorwürfe empfand man als Schmäle-
rung des gewaltigen Einsatzes der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg und
als Versuch, ihre Ehre – und damit jene der gesamten Nation – in den Schmutz
zu ziehen. Zudem erfuhr das Thema im konfrontativen Diskurs des Kalten
Krieges eine zweifache Instrumentalisierung: Einerseits warfen die „Feinde
der Sowjetunion“ die Übergriffe übertrieben und pauschal der gesamten Ro-
ten Armee vor. Nichts passte idealer in ein propagandistisches Konzept des
Antikommunismus als die Vergewaltigungen. Übergriffe seitens westalliierter
Soldaten dagegen wurden verdrängt. Andererseits wehrten die Sowjets jeg-
lichen Vorwurf als Affront und als Nichtanerkennung der erbrachten Opfer
und Leistungen ab. Sie wollten sich dem Thema öffentlich entziehen.
412 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 244, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Lei-
ter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front,
Oberst Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand
und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945].
413 CAMO, F. 894, op. 1, d. 66, S. 354–356, hier: S. 355, Bericht einer Kommission der CGV über die Lage
in der Garnison Freistadt, 28.10.1945.
414 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 430.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918