Seite - 470 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 470 -
Text der Seite - 470 -
II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
470
waren ja ‚syphiliskrank‘. Einer hat das ausgestreut. Das war nur in unserem
Haus so. Und wie dann alles vorbei war, haben wir dann gehört, wie ein Ge-
meindebau halt ist, überall die Stiegen nebenan, dort sind sehr wohl die jun-
gen Mädchen auch drangekommen, nur unser Bau, der hat halt denen erklärt:
‚Verschont die Jungen, weil die sind alle krank.‘ Das war unsere Rettung.“16
Obwohl nicht explizit ausgesprochen, zeigt sich im Laufe des Interviews,
wie sehr die 60-jährige Nachbarin, die anscheinend beinahe jeden Abend „ge-
holt wurde“, zur Versorgung der unfreiwilligen Kellergemeinschaft beitrug.
Im Zentrum dieser Passage steht daher auch das plötzlich im Überfluss vor-
handene Essen. Statt Mitleid ist eher Dankbarkeit zu spüren: „Die Frau Em-
menthaler war das – die Dame ist schon lang tot, werde ich nie vergessen, die
Frau Emmenthaler, die 60-Jährige. Aber uns ist es dann sehr gut gegangen,
weil die haben dort oben gekocht und haben uns herrliches Essen herunterge-
bracht. Wir haben ja Hunger gehabt. Wir haben ja nichts zu essen gehabt, war
ja alles schon aufgebraucht, die kleinen Vorräte. Es war vorher schon alles auf
Marken. Und unten keine Kochgelegenheit. Der kleine Petroleumkocher. Ist
ja gar nicht vorzustellen, wie das alles geht, wenn man in Not ist. Und dann
haben wir also töpfeweise herrlichste Sachen gekriegt. So Eintöpfe, alles mit
Fleisch, nahrhafte Sachen, was wir alle gebraucht haben. [...] 14 Tage waren
wir jedenfalls im Keller, dann konnten wir schon langsam hinauf.“17
Obwohl die Interviewpartnerin de facto im Keller gefangen war, betont
sie charakteristischerweise keineswegs ihre passive, zum Warten verdammte
Rolle. Analog dazu berichteten andere Zeitzeuginnen von ihrem geschickten,
aktiven Verhalten. Dieses ist auch in ihrem Verwandten- und Freundeskreis
tradiert. So charakterisiert eine nach Kriegsende geborene Berlinerin die an-
scheinend erfolgreiche Strategie ihrer zu Kriegsende erst 15-jährigen Bekann-
ten: „Ich habe auch eine 78-jährige Freundin, welche ganz andere Erfahrun-
gen gemacht hat. Sie verkroch sich beim Einmarsch der russischen Armee im
Hühnerstall ihrer Tante, das Gesicht mit Asche verschmiert, um älter zu wir-
ken. Mit ihr gemeinsam ihre Cousine. Es klappte. Sie wurden zwar entdeckt,
aber für zu hässlich befunden und verschont.“18
1.1.2 „Ich hab’ mitmüssen“
Im Gegensatz zu den heroisch konnotierten „Davongekommen-Geschich-
ten“, die gerne und bereitwillig erzählt werden, werden Vergewaltigungen
16 Ebd.
17 Ebd.
18 Angelika Miermeister, Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 18.6.2008.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918