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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 470 waren ja ‚syphiliskrank‘. Einer hat das ausgestreut. Das war nur in unserem Haus so. Und wie dann alles vorbei war, haben wir dann gehört, wie ein Ge- meindebau halt ist, überall die Stiegen nebenan, dort sind sehr wohl die jun- gen Mädchen auch drangekommen, nur unser Bau, der hat halt denen erklärt: ‚Verschont die Jungen, weil die sind alle krank.‘ Das war unsere Rettung.“16 Obwohl nicht explizit ausgesprochen, zeigt sich im Laufe des Interviews, wie sehr die 60-jährige Nachbarin, die anscheinend beinahe jeden Abend „ge- holt wurde“, zur Versorgung der unfreiwilligen Kellergemeinschaft beitrug. Im Zentrum dieser Passage steht daher auch das plötzlich im Überfluss vor- handene Essen. Statt Mitleid ist eher Dankbarkeit zu spüren: „Die Frau Em- menthaler war das – die Dame ist schon lang tot, werde ich nie vergessen, die Frau Emmenthaler, die 60-Jährige. Aber uns ist es dann sehr gut gegangen, weil die haben dort oben gekocht und haben uns herrliches Essen herunterge- bracht. Wir haben ja Hunger gehabt. Wir haben ja nichts zu essen gehabt, war ja alles schon aufgebraucht, die kleinen Vorräte. Es war vorher schon alles auf Marken. Und unten keine Kochgelegenheit. Der kleine Petroleumkocher. Ist ja gar nicht vorzustellen, wie das alles geht, wenn man in Not ist. Und dann haben wir also töpfeweise herrlichste Sachen gekriegt. So Eintöpfe, alles mit Fleisch, nahrhafte Sachen, was wir alle gebraucht haben. [...] 14 Tage waren wir jedenfalls im Keller, dann konnten wir schon langsam hinauf.“17 Obwohl die Interviewpartnerin de facto im Keller gefangen war, betont sie charakteristischerweise keineswegs ihre passive, zum Warten verdammte Rolle. Analog dazu berichteten andere Zeitzeuginnen von ihrem geschickten, aktiven Verhalten. Dieses ist auch in ihrem Verwandten- und Freundeskreis tradiert. So charakterisiert eine nach Kriegsende geborene Berlinerin die an- scheinend erfolgreiche Strategie ihrer zu Kriegsende erst 15-jährigen Bekann- ten: „Ich habe auch eine 78-jährige Freundin, welche ganz andere Erfahrun- gen gemacht hat. Sie verkroch sich beim Einmarsch der russischen Armee im Hühnerstall ihrer Tante, das Gesicht mit Asche verschmiert, um älter zu wir- ken. Mit ihr gemeinsam ihre Cousine. Es klappte. Sie wurden zwar entdeckt, aber für zu hässlich befunden und verschont.“18 1.1.2 „Ich hab’ mitmüssen“ Im Gegensatz zu den heroisch konnotierten „Davongekommen-Geschich- ten“, die gerne und bereitwillig erzählt werden, werden Vergewaltigungen 16 Ebd. 17 Ebd. 18 Angelika Miermeister, Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 18.6.2008.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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