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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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sowjetische Militärtribunal verurteilte daraufhin die Österreicherin im April
1952 wegen Spionage zu zehn Jahren ITL.85 Unter der Überschrift „Die ver-
hängnisvollen Soldatenbekanntschaften: Vor dem Tor des USIA-Betriebes
verschwunden“ schrieb dazu die Arbeiter-Zeitung: „Ingeborg Brenner hatte
bis vor einem Jahr viele Bekanntschaften mit russischen Soldaten. Dann lern-
te sie den Amerikaner kennen und verkehrte von dieser Zeit an nur noch mit
ihm. Ob die bloße Bekanntschaft mit dem Amerikaner den Menschenräubern
Grund genug zu einer Verschleppung schien, ist ungeklärt.“86
1.4.1 Prostitution, Geschlechtskrankheiten und Spionage
Im Gegensatz zur Wehrmacht unterhielt die Rote Armee in Frontnähe keine
Bordelle: Sexualität war offiziell kein Thema. Während des Krieges widme-
te sich die gesamte Partei- und Vaterlandskultur dem aufopferungsvollen
Kampf für die Heimat: Den Männern an der Front sollten ein ausgefüllter
Tagesablauf und politische Schulungen keinen Raum für erotische Fantasien
lassen.87
Die Praxis sah jedoch – vor allem durch die Möglichkeiten, die der Besat-
zungsalltag im Westen bot – anders aus. Sowjetische Militärangehörige fre-
quentierten Bordelle ebenso, wie sie Kunden von Gelegenheitsprostituierten
waren. Zwar kritisierten die zuständigen Politabteilungen den moralischen
Verfall der Truppen auch in dieser Hinsicht, doch blieben ihre Gegenmaß-
nahmen im Grunde wirkungslos. Allerdings bezahlten einige österreichische
Prostituierte ihre Kontakte zu sowjetischen Armeeangehörigen mit Lager-
haft.
Der offizielle Grund lautete in diesen Fällen – wie bei der arbeitslosen
Hilfsarbeiterin St. P. – „antisowjetische Spionage“. Die Niederösterreicherin
war wegen des „ständigen Umgangs mit sowjetischen Besatzungsangehöri-
gen seit 1945“ bei der Sicherheitsbehörde ihres Wohnortes wegen Verdachts
der Geheimprostitution vorgemerkt gewesen. Im März 1950 verurteilte sie
das Militärtribunal der Zentralen Gruppe der Streitkräfte schließlich zu 25
Jahren Lagerhaft in der Sowjetunion.88 Die Arbeiter-Zeitung berichtete im Fe-
bruar 1953 über einen ähnlich gelagerten Fall fälschlicherweise: „Frau Presl-
85 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 432.
86 Die verhängnisvolle Soldatenbekanntschaft, in: Arbeiter-Zeitung, 12.4.1951, S. 2.
87 Merridale, Iwans Krieg, S. 344; Jean-Yves Le Naour, „Mon flingot, c’est Cupidon“. La Sexualité du
soldat, in: François Rouquet – Fabrice Virgili – Daniéle Voldman (Hg.), Amours, guerres et sexualité
1914–1945. Paris 2007, S. 74–81.
88 AdBIK, Datenbank verurteilter österreichischer Zivilisten in der UdSSR, Ziv-SU-107; ÖBM, Perso-
nalakte St. P. Vgl. dazu und zum Folgenden: Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 432f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918