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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 509
gattin belegt, die während der Stationierung einen Österreicher kennenlernte
und mit ihm eine geheime Beziehung einging. Als 1955 die Truppen abzogen
und die Familie in die Sowjetunion zurückkehrte, versteckte sie sich vorü-
bergehend. Ihr Mann musste allein mit den beiden Kindern heimfahren, da
man sie trotz intensiver Suche nicht finden konnte. Später heiratete sie den
österreichischen Mann und gründete hier eine neue Familie.151
2.2 Reaktionen von österreichischer Seite
Bereits während des Krieges zogen sogenannte „lose“ Frauen, die im „Dritten
Reich“ Verhältnisse mit ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefan-
genen eingingen, Ressentiments und Strafmaßnahmen auf sich. Aus „volks-
tums- und rassepolitischer“ Sicht sollte die „Reinheit des deutschen Blutes“
nicht befleckt werden. Die Frau verkörperte als „Inbegriff der deutschen See-
le“ ein „Bollwerk gegenüber den anderen, den Fremden, dem Feind“.152 Wie
Helke Sander betont, ist es „ja eine Ironie der Geschichte, dass der auch um
Rassereinheit geführte Krieg die Grundlagen für eine Vermischung giganti-
schen Ausmaßes gelegt hat und das heutige Europa tatsächlich anders aus-
sieht als vor fünfzig [mittlerweile sechzig] Jahren“.153
Insbesondere Beziehungen zu sowjetischen Kriegsgefangenen wurden
hart geahndet, dominierten doch in diesem Zusammenhang Vorstellungen
einer rassischen Überlegenheit germanischer „Herrenmenschen“ gegenüber
den slawischen „Untermenschen“. Die Personalkarten sowjetischer Kriegs-
gefangener enthielten daher vielfach den Vermerk „Belehrt über das Verbot
betr. Verkehr mit deutschen Frauen“. Im Falle sogenannter „Verstöße gegen
das gesunde Volksempfinden“ drohte einheimischen Frauen nach § 4 der
„Wehrkraftschutzverordnung“ eine mehrmonatige Gefängnishaft. Auch
wurden manchen Frauen als Zeichen öffentlicher Stigmatisierung ihre Haare
abgeschnitten. Bei den betroffenen Kriegsgefangenen konnte Geschlechtsver-
kehr mit „deutschen Frauen“ bis zur Einweisung in ein Konzentrationslager
oder zur Todesstrafe führen, wobei das Ausmaß der Strafe von der jeweiligen
Nationalität des Gefangenen abhing.154
151 Tanja N., Freundliche Auskunft. Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.6.5 „Gründe für Fahnenflucht“ in
diesem Band.
152 Bauer, „Besatzungsbräute“, S. 269.
153 Helke Sander, Erinnern/Vergessen, in: Helke Sander – Barbara Johr (Hg.), BeFreier und Befreite.
Krieg, Vergewaltigung, Kinder. Frankfurt am Main 2005, S. 9–20, hier: S. 14. Gerade die Wehr-
machtssoldaten trugen – auch in den besetzten Gebieten der Sowjetunion – zu dieser „Vermi-
schung“ bei. Sander vermutet, dass bis zu einer Million „deutsche“ Kinder an der Ostfront geboren
wurden. Vgl. ebd., S. 14f.
154 Stelzl-Marx, Zwischen Fiktion und Zeitzeugenschaft, S. 62f.; Barbara Stelzl-Marx, Kriegsgefangen-
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918