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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 522 des Umfeldes im Keim zu ersticken“.200 Die Tragweite der Politik der kultu- rellen Selbstisolation lässt sich auch dadurch erahnen, dass manche Armee- angehörige versuchten, ihre österreichische Geliebte in einem Koffer in die sowjetische Heimat zu schmuggeln.201 Trotz aller Verbote von sowjetischer Seite kam es vereinzelt zu Eheschlie- ßungen zwischen Österreicherinnen und Rotarmisten. Ein Beispiel dafür ist die Trauung von Major Nikolaj Kolesnikov mit der Grazerin Christiane K. im Pfarramt Münzgraben am 14. Juni 1945. Trauzeugen des Bräutigams waren zwei Majore der Roten Armee, die am Wagram wohnhaft waren und sich mit ihren Militärpapieren auswiesen. Nur einen Tag zuvor hatte die provisori- sche steiermärkische Landesregierung per Erlass „Nachsicht von der Beibrin- gung des sowjetisch-russischen Ehefähigkeitszeugnisses für den Bräutigam“ geübt, wodurch die „vorgekommenen Anstände behoben“ wurden. Das aus der NS-Zeit stammende Formular adaptierte der Standesbeamte schlicht durch das Streichen der Passage „im Namen des Reiches“ für die Nachkriegs- zeit. Die Ehe, die von den sowjetischen Behörden nie anerkannt worden sein dürfte, wurde im September 1958 rechtmäßig geschieden. Ein Jahr später nahm Christiane Kolesnikow wieder ihren Mädchennamen an und heiratete im November 1959 einen Grazer Polizeibeamten.202 2.3.1 „Verrottung der politischen Vorsicht“ Teilweise zogen Kontakte zu im Ausland lebenden Frauen schwere Konse- quenzen für die betroffenen Besatzungssoldaten nach sich, wie etwa der Fall von Oberstleutnant Ivan Peretjat’ko zeigt. Im Mai 1945 bezog der 37-jährige Ukrainer Quartier in einem Privathaus im 16. Wiener Gemeindebezirk. Hier lernte er eine im selben Haus wohnhafte Russin namens Ludmila Chris- tiansen kennen. Die gelernte Schneiderin erklärte sich bereit, Leibwäsche und Uniformen für die Besatzungssoldaten zu nähen. Bald darauf suchte Peretjat’ko die Frau öfters in ihrer Wohnung auf und ging mit ihr eine Bezie- hung ein. Christiansen übersetzte einige Dokumente ins Russische, aß mit- unter gemeinsam mit den Offizieren des Regiments, lernte durch das Anpas- 200 RGVA, F. 32903, op. 1, d. 345, S. 144–148, hier: S. 146, Anordnung des Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streitkräfte, Generalmajor Pavlov, und des stv. Leiters der Politabteilung, Oberstleutnant Bondarenko, an die Einheitskommandanten und die Leiter der Politabteilungen zur Disziplinierung der Angehörigen der NKVD-Grenzregimenter, 13.8.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 129. 201 OHI, Isaev. Durchgeführt von Stelzl-Marx. 202 Sammlung Stefan Karner, Heiratsurkunde Christiane K. Herrn Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner, Graz, sei für die Überlassung einer Kopie dieses Dokuments herzlich gedankt.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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