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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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des Umfeldes im Keim zu ersticken“.200 Die Tragweite der Politik der kultu-
rellen Selbstisolation lässt sich auch dadurch erahnen, dass manche Armee-
angehörige versuchten, ihre österreichische Geliebte in einem Koffer in die
sowjetische Heimat zu schmuggeln.201
Trotz aller Verbote von sowjetischer Seite kam es vereinzelt zu Eheschlie-
ßungen zwischen Österreicherinnen und Rotarmisten. Ein Beispiel dafür ist
die Trauung von Major Nikolaj Kolesnikov mit der Grazerin Christiane K. im
Pfarramt Münzgraben am 14. Juni 1945. Trauzeugen des Bräutigams waren
zwei Majore der Roten Armee, die am Wagram wohnhaft waren und sich mit
ihren Militärpapieren auswiesen. Nur einen Tag zuvor hatte die provisori-
sche steiermärkische Landesregierung per Erlass „Nachsicht von der Beibrin-
gung des sowjetisch-russischen Ehefähigkeitszeugnisses für den Bräutigam“
geübt, wodurch die „vorgekommenen Anstände behoben“ wurden. Das aus
der NS-Zeit stammende Formular adaptierte der Standesbeamte schlicht
durch das Streichen der Passage „im Namen des Reiches“ für die Nachkriegs-
zeit. Die Ehe, die von den sowjetischen Behörden nie anerkannt worden sein
dürfte, wurde im September 1958 rechtmäßig geschieden. Ein Jahr später
nahm Christiane Kolesnikow wieder ihren Mädchennamen an und heiratete
im November 1959 einen Grazer Polizeibeamten.202
2.3.1 „Verrottung der politischen Vorsicht“
Teilweise zogen Kontakte zu im Ausland lebenden Frauen schwere Konse-
quenzen für die betroffenen Besatzungssoldaten nach sich, wie etwa der Fall
von Oberstleutnant Ivan Peretjat’ko zeigt. Im Mai 1945 bezog der 37-jährige
Ukrainer Quartier in einem Privathaus im 16. Wiener Gemeindebezirk. Hier
lernte er eine im selben Haus wohnhafte Russin namens Ludmila Chris-
tiansen kennen. Die gelernte Schneiderin erklärte sich bereit, Leibwäsche
und Uniformen für die Besatzungssoldaten zu nähen. Bald darauf suchte
Peretjat’ko die Frau öfters in ihrer Wohnung auf und ging mit ihr eine Bezie-
hung ein. Christiansen übersetzte einige Dokumente ins Russische, aß mit-
unter gemeinsam mit den Offizieren des Regiments, lernte durch das Anpas-
200 RGVA, F. 32903, op. 1, d. 345, S. 144–148, hier: S. 146, Anordnung des Leiters der NKVD-Truppen
zum Schutz des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streitkräfte, Generalmajor Pavlov, und
des stv. Leiters der Politabteilung, Oberstleutnant Bondarenko, an die Einheitskommandanten und
die Leiter der Politabteilungen zur Disziplinierung der Angehörigen der NKVD-Grenzregimenter,
13.8.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 129.
201 OHI, Isaev. Durchgeführt von Stelzl-Marx.
202 Sammlung Stefan Karner, Heiratsurkunde Christiane K. Herrn Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner, Graz,
sei für die Überlassung einer Kopie dieses Dokuments herzlich gedankt.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918