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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 532 -
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 532 zeugt und wie kommt ein Kind auf die Welt. Ich hab nur irgendwie sehr stark gespürt, das ist was ganz, ganz Schlimmes. Das ist was ganz, ganz Schlech- tes. Ja, und ich war dann bis zu meinem sechsten Lebensjahr eben bei meiner Mutter und dem Stiefvater.“240 Unter Antisemitismus hatte sie, im Gegensatz zu ihrem leiblichen Vater, nicht zu leiden. Sie erinnert sich auch, wie ihr Vater von seinen Kameraden abwertend als „evrej“ (russisch für „Jude“) bezeichnet wurde, allerdings war ihr die Bedeutung dieses Wortes nicht bekannt.241 Bemerkenswert ist dieser Hinweis aber insofern, als er auf eine Ausprägung der antisemitischen Tradi- tion in der Roten Armee schließen lässt. Die politische Verwaltung der Roten Armee hatte bereits in den 1920er Jahren mit Fällen „von ethnischen Antago- nismen zwischen Russen und Juden“ zu kämpfen.242 Offene Ablehnung erfuhren manche „Besatzungskinder“ auch seitens ih- rer eigenen Familie. So erinnert sich die 1947 in Salzburg geborene Rosa K., von ihrem Onkel als „Polackenkind“ bezeichnet worden zu sein: „Durch die Aussagen meines Onkels empfand ich es als Kind als große Schande, einen Vater sowjetischer Herkunft zu haben. Dies war auch der Grund, weshalb ich meine Tante nicht weiter nach eventuellen weiteren Details über ihn ausfragte.“243 Während ihr Vater, der aus der Roten Armee desertiert war und noch 1947 nach Frankreich floh, in der Familie ein Tabuthema darstellte, erzählte ihr die Tante Genaueres über ihre Geburt: „Als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten (es war strenger Winter), fuhr sie ihr Bruder mit dem Pferdeschlitten zum Ortseingang nach O.; von dort musste sie allein ca. eine viertel Stunde zum örtlichen Krankenhaus gehen. Er hatte sich so sehr dafür geschämt, dass seine Schwester ein Kind von einem Ausländer bekam, und wollte daher nicht in den Ort hineinfahren.“244 Auch andere Verwandte dis- kriminierten Rosa K. wegen ihrer Herkunft. So erhielt sie – im Gegensatz zu ihren Cousinen – keine Geschenke zu besonderen Anlässen wie Weihnachten oder Geburtstag.245 Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass „Besatzungskinder“ häufig von psychologischen, psychosomatischen und auch physischen Pro- blemen berichten, die sich vielfach bereits im Kindesalter manifestierten, sich aber teilweise erst im Erwachsenenalter erklären ließen. Ausschlaggebend für die Erfahrungswelt der Kinder ist dabei die Perzeption durch die Umwelt, 240 OHI, Renate M. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Graz 16.11.2007. 241 Ebd. 242 Musial, Kampfplatz Deutschland, S. 101. 243 Rosa K., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 18.2.2008. 244 Ebd. 245 Sammlung Barbara Stelzl-Marx, Rosa K., Fragebogen. Wals 22.2.2008.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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