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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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zeugt und wie kommt ein Kind auf die Welt. Ich hab nur irgendwie sehr stark
gespürt, das ist was ganz, ganz Schlimmes. Das ist was ganz, ganz Schlech-
tes. Ja, und ich war dann bis zu meinem sechsten Lebensjahr eben bei meiner
Mutter und dem Stiefvater.“240
Unter Antisemitismus hatte sie, im Gegensatz zu ihrem leiblichen Vater,
nicht zu leiden. Sie erinnert sich auch, wie ihr Vater von seinen Kameraden
abwertend als „evrej“ (russisch für „Jude“) bezeichnet wurde, allerdings war
ihr die Bedeutung dieses Wortes nicht bekannt.241 Bemerkenswert ist dieser
Hinweis aber insofern, als er auf eine Ausprägung der antisemitischen Tradi-
tion in der Roten Armee schließen lässt. Die politische Verwaltung der Roten
Armee hatte bereits in den 1920er Jahren mit Fällen „von ethnischen Antago-
nismen zwischen Russen und Juden“ zu kämpfen.242
Offene Ablehnung erfuhren manche „Besatzungskinder“ auch seitens ih-
rer eigenen Familie. So erinnert sich die 1947 in Salzburg geborene Rosa K.,
von ihrem Onkel als „Polackenkind“ bezeichnet worden zu sein: „Durch die
Aussagen meines Onkels empfand ich es als Kind als große Schande, einen
Vater sowjetischer Herkunft zu haben. Dies war auch der Grund, weshalb
ich meine Tante nicht weiter nach eventuellen weiteren Details über ihn
ausfragte.“243 Während ihr Vater, der aus der Roten Armee desertiert war
und noch 1947 nach Frankreich floh, in der Familie ein Tabuthema darstellte,
erzählte ihr die Tante Genaueres über ihre Geburt: „Als bei meiner Mutter
die Wehen einsetzten (es war strenger Winter), fuhr sie ihr Bruder mit dem
Pferdeschlitten zum Ortseingang nach O.; von dort musste sie allein ca. eine
viertel Stunde zum örtlichen Krankenhaus gehen. Er hatte sich so sehr dafür
geschämt, dass seine Schwester ein Kind von einem Ausländer bekam, und
wollte daher nicht in den Ort hineinfahren.“244 Auch andere Verwandte dis-
kriminierten Rosa K. wegen ihrer Herkunft. So erhielt sie – im Gegensatz zu
ihren Cousinen – keine Geschenke zu besonderen Anlässen wie Weihnachten
oder Geburtstag.245
Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass „Besatzungskinder“
häufig von psychologischen, psychosomatischen und auch physischen Pro-
blemen berichten, die sich vielfach bereits im Kindesalter manifestierten, sich
aber teilweise erst im Erwachsenenalter erklären ließen. Ausschlaggebend für
die Erfahrungswelt der Kinder ist dabei die Perzeption durch die Umwelt,
240 OHI, Renate M. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Graz 16.11.2007.
241 Ebd.
242 Musial, Kampfplatz Deutschland, S. 101.
243 Rosa K., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 18.2.2008.
244 Ebd.
245 Sammlung Barbara Stelzl-Marx, Rosa K., Fragebogen. Wals 22.2.2008.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918