Seite - 583 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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1. Sowjetischer Alltag in Österreich 583
eine große Wohnung, sie musste sich auch
um die Wohnung kümmern.“ Kontakte
zur österreichischen Außenwelt hatte die
Offiziersgattin nur am Rande, zumal auch
sie kaum Deutsch sprach.88
So manche Ehe dürfte den Auslands-
einsatz in Österreich nicht überstanden
haben. Konnte oder wollte der Ehepartner
nicht nachziehen, führte die monatelange
räumliche Trennung zu einer Entfrem-
dung. In anderen Fällen spielten österrei-
chische Frauen – oder auch Männer – eine
Rolle. So lernte eine sowjetische Offiziers-
gattin in Bruck an der Leitha einen Öster-
reicher kennen und lieben. Als ihr Mann
1955 aus Österreich abgezogen wurde,
versteckte sie sich, um in Bruck bleiben zu
können. Ihre beiden Söhne und ihr Mann
kehrten ohne sie in die Sowjetunion zu-
rück. Erst in den vergangenen Jahren wur-
de ein Kontakt mit den Kindern aus erster Ehe wieder möglich.89
Ein weiteres Beispiel ist der bereits erwähnte Fall von Georgij Elizarov, der
im Herbst 1946 seine Frau nach Wien nachkommen ließ. Als er im März 1947
den gemeinsamen Sohn während eines Heimaturlaubes aus Moskau holen
wollte, stieg er stattdessen am ersten Bahnhof aus dem Zug wieder aus, fuhr
zurück nach Wien und versteckte sich in der Wohnung seiner österreichi-
schen Geliebten Bianca H. in der französischen Besatzungszone Wiens, wo er
schließlich verhaftet wurde. Seine Frau musste allein in die Sowjetunion zu-
rückkehren, woraufhin sie sich scheiden lassen wollte. Sein Sohn resümiert:
„Mit der Vergangenheit hatte er abgeschlossen.“90
1.3.2 Offizierskinder: die anderen „Russenkinder“
Viele der sowjetischen Offiziere ließen ihre Kinder nach Österreich nach-
kommen. Sie fanden vergleichsweise schnell Kontakt zu österreichischen
Kindern, so ihre Eltern dies nicht unterbanden. Eine österreichische „Zeitzeu-
88 OHI, Malašenko.
89 Siehe dazu auch das Kapitel B.II.2.2 „Reaktionen von österreichischer Seite“ in diesem Band.
90 Voroncov, Reka vody žizni, S. 278.
Abb. 89: Die Frau des sowjetischen
Besatzungsangehörigen Evgenij
Malašenko hatte wenig Kontakt zur
österreichischen Außenwelt. (Quelle:
AdBIK, Sammlung Malašenko).
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918