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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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III. Alltag, Freizeit, Besatzungsritual584 gin“ erinnert sich etwa, dass es „seitens der Russen offenbar zaghafte Annä- herungsversuche gab – vor allem im Zusammenhang mit den Kindern. Ich nannte auch ein schon etwas größeres russisches Mädchen stolz meine Freun- din und war 1955 enttäuscht, dass sie plötzlich abreiste.“91 Besonders in den ersten Besatzungsjahren kursierte offensichtlich die Angst vor Übergriffen in dieser – aus sowjetischer Perspektive – fremden, wenn nicht sogar feindlichen Umgebung. Lidia Krišanovskaja, die als damals zwölfjährige Tochter des stellvertretenden Leiters der Verwaltung für Gegen- spionage der CGV ab 1946 eineinhalb Jahre in Baden lebte, durfte bezeichnen- derweise keinen Umgang mit österreichischen Kindern pflegen: „Ich durf- te nicht mit österreichischen Kindern befreundet sein. Man sagte uns, dass wir verschwinden würden. Deshalb führten die meisten Mütter ihre Kinder sogar an der Hand in die Schule. Der Vater hatte eine ca. 20-jährige Ordon- nanz, dieser junge Mann war für die Kinder und den Haushalt zuständig. Einmal war er mit uns im Strandbad, da war plötzlich meine kleine Schwes- ter verschwunden, sie war erst ein wenig über ein Jahr alt. Überall wurde gesucht, man ließ sogar in allen Becken das Wasser ab, falls etwas passiert sei. Schließlich dachte man schon allen Ernstes daran, dass in Österreich Kin- der verschwinden. Aber dann wurde sie in einer Umkleidekabine gefunden. Die Tür war hinter der Kleinen zugefallen, und sie war in ihrer Verzweiflung eingeschlafen!“92 Ähnliche Befürchtungen hegten zunächst auch Malašenko und seine Frau, deren achtjähriger Sohn gleichfalls in Baden die sowjetische Schule besuchte: „Unser Stab hatte eine eigene russische Schule in der Nähe des Stabes. Er [der Sohn] war klein, acht Jahre alt, und er ging selbst in die Schule. Er ging allein oder mit seinen Kameraden durch die Stadt, niemand tat ihm etwas. Anfangs hatte ihn seine Mutter begleitet, sie hatte sich große Sorgen gemacht, aber dann ist er einfach allein gegangen.“93 Insgesamt habe es aber gerade dem Sohn sehr gut in Österreich gefallen. Er habe sich sogar mit einem österreichi- schen Trafikanten angefreundet, da er Marken sammelte, und sei allein in der Früh Milch kaufen gegangen, meint Malašenko. „Man hat ihn gut behandelt. Er kannte sogar das Warensortiment: Wiener Semmeln, Milch, Schlagobers, Topfen. Er hatte es dort sehr gut. Der Sohn erinnert sich oft an Österreich.“94 Die sowjetische Phobie vor tätlichen Übergriffen auf Offizierskinder äu- ßerte sich mitunter in drakonischen Strafen. Ein besonders plakatives Beispiel 91 Roswitha Moser, Elektronische Nachricht an Peter Fritz. 15.1.2005. 92 Maurer, Befreiung? – Befreiung!, S. 72. 93 OHI, Malašenko. 94 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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