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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual584
gin“ erinnert sich etwa, dass es „seitens der Russen offenbar zaghafte Annä-
herungsversuche gab – vor allem im Zusammenhang mit den Kindern. Ich
nannte auch ein schon etwas größeres russisches Mädchen stolz meine Freun-
din und war 1955 enttäuscht, dass sie plötzlich abreiste.“91
Besonders in den ersten Besatzungsjahren kursierte offensichtlich die
Angst vor Übergriffen in dieser – aus sowjetischer Perspektive – fremden,
wenn nicht sogar feindlichen Umgebung. Lidia Krišanovskaja, die als damals
zwölfjährige Tochter des stellvertretenden Leiters der Verwaltung für Gegen-
spionage der CGV ab 1946 eineinhalb Jahre in Baden lebte, durfte bezeichnen-
derweise keinen Umgang mit österreichischen Kindern pflegen: „Ich durf-
te nicht mit österreichischen Kindern befreundet sein. Man sagte uns, dass
wir verschwinden würden. Deshalb führten die meisten Mütter ihre Kinder
sogar an der Hand in die Schule. Der Vater hatte eine ca. 20-jährige Ordon-
nanz, dieser junge Mann war für die Kinder und den Haushalt zuständig.
Einmal war er mit uns im Strandbad, da war plötzlich meine kleine Schwes-
ter verschwunden, sie war erst ein wenig über ein Jahr alt. Überall wurde
gesucht, man ließ sogar in allen Becken das Wasser ab, falls etwas passiert
sei. Schließlich dachte man schon allen Ernstes daran, dass in Österreich Kin-
der verschwinden. Aber dann wurde sie in einer Umkleidekabine gefunden.
Die Tür war hinter der Kleinen zugefallen, und sie war in ihrer Verzweiflung
eingeschlafen!“92
Ähnliche Befürchtungen hegten zunächst auch Malašenko und seine Frau,
deren achtjähriger Sohn gleichfalls in Baden die sowjetische Schule besuchte:
„Unser Stab hatte eine eigene russische Schule in der Nähe des Stabes. Er [der
Sohn] war klein, acht Jahre alt, und er ging selbst in die Schule. Er ging allein
oder mit seinen Kameraden durch die Stadt, niemand tat ihm etwas. Anfangs
hatte ihn seine Mutter begleitet, sie hatte sich große Sorgen gemacht, aber
dann ist er einfach allein gegangen.“93 Insgesamt habe es aber gerade dem
Sohn sehr gut in Österreich gefallen. Er habe sich sogar mit einem österreichi-
schen Trafikanten angefreundet, da er Marken sammelte, und sei allein in der
Früh Milch kaufen gegangen, meint Malašenko. „Man hat ihn gut behandelt.
Er kannte sogar das Warensortiment: Wiener Semmeln, Milch, Schlagobers,
Topfen. Er hatte es dort sehr gut. Der Sohn erinnert sich oft an Österreich.“94
Die sowjetische Phobie vor tätlichen Übergriffen auf Offizierskinder äu-
ßerte sich mitunter in drakonischen Strafen. Ein besonders plakatives Beispiel
91 Roswitha Moser, Elektronische Nachricht an Peter Fritz. 15.1.2005.
92 Maurer, Befreiung? – Befreiung!, S. 72.
93 OHI, Malašenko.
94 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918