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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual598
2.3 Ausflüge und „kulturelle Betreuung“
Trotz aller Befehle und Vorgaben schienen die Besatzungssoldaten die re-
lative Freiheit in Österreich vielfach zu genießen. Boris Zajcev,142 von April
1945 bis Juni 1946 als Oberleutnant des Technischen Dienstes in Bruck an
der Lei tha stationiert, betont in diesem Zusammenhang den großen Unter-
schied zum Leben in der Sowjetunion unter Stalin: „Wir lebten die ganze Zeit
in ständiger Angst. Jeder Schritt konnte kontrolliert werden. Jedes Wort, das
man sagte, musste man sich genau überlegen. Wo man was sagen konnte
und was nicht. Aber von 1945 bis 1946 war ich in den Besatzungstruppen in
Österreich.“143 Hier nützte er Diensteinsätze, aber auch gewisse Freiräume,
die sich im Laufe des Tages boten, für private Ausflüge: „Manchmal bin ich
aus Neugierde mit dem Motorrad herumgefahren. Es war einfach interessant,
die Straße entlangzufahren, zu schauen, zu reden, weit zu fahren, zu fotogra-
fieren, dann wieder zurück. Ein, zwei Stunden in die eine Richtung, ein, zwei
Stunden retour, um rechtzeitig zum Mittagessen in die Einheit zurückzukom-
men. Beispielsweise fuhr ich um zehn Uhr weg, bis zwei Uhr musste man es
schaffen. Ich fuhr, so weit ich kam. Und wo ich fuhr oder wie dieser Ort hieß,
interessierte mich nicht einmal. Es war einfach schön, schön. Ich schaute, und
wenn es mir nicht gefiel, fuhr ich weiter.“144
Stand etwas mehr Zeit zur Verfügung, verließ er sogar die sowjetische Be-
satzungszone.145 Dies stellte keinen Einzelfall dar. Die sowjetische Armeefüh-
rung hatte permanent mit illegalen Überschreitungen ihrer Demarkations-
linie zu kämpfen – und zwar in beide Richtungen. Beispielsweise fuhr ein
Garde-Unteroffizier namens Bojko „häufig zu den Amerikanern, besuchte
deren Kinos und fuhr gemeinsam mit amerikanischen Militärdienstleisten-
den Motorrad“. Er nützte dabei den Umstand aus, dass der ihm unterstellte
Zug die Grenze an der Enns bewachte.146 Auch einfache Soldaten trafen sich
wiederholt mit Amerikanern, mit denen sie sich auch fotografieren ließen
oder gemeinsam tranken. Mindestens ebenso ungern sah die Armeeführung,
dass US-Besatzungssoldaten über die Enns in die sowjetische Zone fuhren,
142 Vgl. hierzu auch Walter Iber – Barbara Stelzl-Marx, Begleitheft zur Ausstellung „Mit den Augen
eines Rotarmisten. Niederösterreich 1945–1946. Fotos von Boris Zajcev“. Niederösterreichisches
Landesarchiv St. Pölten. 27. Juni bis 30. September 2006. St. Pölten 2006.
143 OHI, Boris Zajcev. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Moskau 20.10.2005.
144 Ebd.
145 Ebd.
146 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 25, Befehl Nr. 0165 des Bevollmächtigten des Kom-
mandeurs der 4. Garde-Armee, Garde-Generalleutnant Derevjanko, des Mitglieds des Militärrates,
Garde-Generalmajor Šepilov, und des Bevollmächtigten des Leiters des Stabes, Garde-Oberst Vo-
roncov, über die Bewachung der Demarkationslinie, 20.6.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918