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Nach 1918
Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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III. Alltag, Freizeit, Besatzungsritual598 2.3 Ausflüge und „kulturelle Betreuung“ Trotz aller Befehle und Vorgaben schienen die Besatzungssoldaten die re- lative Freiheit in Österreich vielfach zu genießen. Boris Zajcev,142 von April 1945 bis Juni 1946 als Oberleutnant des Technischen Dienstes in Bruck an der Lei tha stationiert, betont in diesem Zusammenhang den großen Unter- schied zum Leben in der Sowjetunion unter Stalin: „Wir lebten die ganze Zeit in ständiger Angst. Jeder Schritt konnte kontrolliert werden. Jedes Wort, das man sagte, musste man sich genau überlegen. Wo man was sagen konnte und was nicht. Aber von 1945 bis 1946 war ich in den Besatzungstruppen in Österreich.“143 Hier nützte er Diensteinsätze, aber auch gewisse Freiräume, die sich im Laufe des Tages boten, für private Ausflüge: „Manchmal bin ich aus Neugierde mit dem Motorrad herumgefahren. Es war einfach interessant, die Straße entlangzufahren, zu schauen, zu reden, weit zu fahren, zu fotogra- fieren, dann wieder zurück. Ein, zwei Stunden in die eine Richtung, ein, zwei Stunden retour, um rechtzeitig zum Mittagessen in die Einheit zurückzukom- men. Beispielsweise fuhr ich um zehn Uhr weg, bis zwei Uhr musste man es schaffen. Ich fuhr, so weit ich kam. Und wo ich fuhr oder wie dieser Ort hieß, interessierte mich nicht einmal. Es war einfach schön, schön. Ich schaute, und wenn es mir nicht gefiel, fuhr ich weiter.“144 Stand etwas mehr Zeit zur Verfügung, verließ er sogar die sowjetische Be- satzungszone.145 Dies stellte keinen Einzelfall dar. Die sowjetische Armeefüh- rung hatte permanent mit illegalen Überschreitungen ihrer Demarkations- linie zu kämpfen – und zwar in beide Richtungen. Beispielsweise fuhr ein Garde-Unteroffizier namens Bojko „häufig zu den Amerikanern, besuchte deren Kinos und fuhr gemeinsam mit amerikanischen Militärdienstleisten- den Motorrad“. Er nützte dabei den Umstand aus, dass der ihm unterstellte Zug die Grenze an der Enns bewachte.146 Auch einfache Soldaten trafen sich wiederholt mit Amerikanern, mit denen sie sich auch fotografieren ließen oder gemeinsam tranken. Mindestens ebenso ungern sah die Armeeführung, dass US-Besatzungssoldaten über die Enns in die sowjetische Zone fuhren, 142 Vgl. hierzu auch Walter Iber – Barbara Stelzl-Marx, Begleitheft zur Ausstellung „Mit den Augen eines Rotarmisten. Niederösterreich 1945–1946. Fotos von Boris Zajcev“. Niederösterreichisches Landesarchiv St. Pölten. 27. Juni bis 30. September 2006. St. Pölten 2006. 143 OHI, Boris Zajcev. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Moskau 20.10.2005. 144 Ebd. 145 Ebd. 146 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 25, Befehl Nr. 0165 des Bevollmächtigten des Kom- mandeurs der 4. Garde-Armee, Garde-Generalleutnant Derevjanko, des Mitglieds des Militärrates, Garde-Generalmajor Šepilov, und des Bevollmächtigten des Leiters des Stabes, Garde-Oberst Vo- roncov, über die Bewachung der Demarkationslinie, 20.6.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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