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2. Freizeit, Erholung, Urlaub 607
bis drei Personen besucht. Dabei wäre die Förderung der selbstständigen
Fortbildung die wichtigste Aufgabe dieser Institution, hieß es in „Za čest’
Rodiny“. Schließlich hätten viele der Offiziere während des Krieges verlernt,
ihre Freizeit „richtig“ zu gestalten. Außerdem hätten einige Offiziere keine
mittlere Ausbildung. Für sie sei eine Abendschule einzurichten.190
Die angesprochenen Kritikpunkte an der Tätigkeit der „Häuser für Offi-
ziere“ zeigen vor allem eines: Die Offiziere und ihre Familien wollten sich in
ihrer Freizeit möglichst unbeschwert amüsieren. Dazu gehörten Theaterbesu-
che, sportliche Aktivitäten, Tanzveranstaltungen. Für trockene Vorträge oder
die Lektüre ideologischer Schriften war da wenig Platz. Darüber konnten
auch die zahlreich angebrachten Losungen, Plakate und Sowjetsterne nicht
hinwegtäuschen. Bezeichnenderweise sahen sich auch die „Leninzimmer“
und Klubs der einzelnen Einheiten mit derselben Problematik konfrontiert.
2.4.2 „Leninzimmer“ und Klubs
Während die „Häuser der Offiziere“ – wie der Name schon sagt – nur für
die Offiziersränge zugänglich waren, boten die sogenannten „Leninzimmer“
(„leninskaja komnata“) den Soldaten und Unteroffizieren ein organisiertes
Freizeitprogramm. Generell sollten sie den unteren Rängen ermöglichen, sich
„kultiviert“ zu erholen und „ihr Wissen in der Freizeit zu vervollständigen“.
Diese typische Einrichtung der Roten bzw. Sowjetischen Armee stellte – im
Idealfall – das „Zentrum der politischen Massenarbeit der Rotarmisten und
Unteroffiziere in militärischer, politischer und kultureller Hinsicht“ dar. Den
Männern hatten die „Leninzimmer“ eine „vernünftige, interessante Entspan-
nung am Ende eines anstrengenden Tages“ zu bieten. Auch hier spielte das
Leben im Ausland eine Rolle: Der Soldat sollte im „Leninzimmer“ „alles fin-
den, was ihn an seine militärische Pflicht, an die Heimat“ erinnerte.191 Selbst
Militärspitäler wiesen diese Einrichtung auf.192
Welche Bedeutung der politischen Erziehung auch im Rahmen des Kultur-
und Freizeitangebotes zufiel, lässt sich an der gewünschten Standardausstat-
tung dieser Räumlichkeiten ablesen. An den Wänden waren die wichtigsten
Dokumente in „schöner“ Ausführung anzubringen: Porträts von Politbüro-
mitgliedern, Fünfjahrespläne (die die „großartige Zukunft“ der Sowjetunion
illustrieren sollten), die bedeutendsten Zitate von Lenin und Stalin über die
Rolle der Armee sowie die Aufgaben der Militärangehörigen oder das Gesetz
190 Ebd.
191 Leninskaja komnata, in: Za čest’ Rodiny, 12.4.1946, S. 1.
192 N. Lunev, Nam pišut, in: Za čest’ Rodiny, 28.9.1946, S. 3.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918