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2. Fotografien 667
Abzüge, die Kamera und den Vorrat an Filmen, Entwicklern, Fotopapier und
anderen benötigten Materialien ohne Kontrolle in die Sowjetunion einführen.
Bis zu seinem Tod am 29. Dezember 2008 bewahrte er die 6 mal 6 cm großen
Negative in einer Eisentruhe auf. Sie stellten gleichsam den Schatz seines Le-
bens dar, der allerdings kaum an die Öffentlichkeit kam.
Zajcevs Österreich-Fotos lassen sich gleichfalls in Eigen- und Fremdbilder
unterscheiden, wobei Erstere den Alltag seiner Kameraden festhalten: „Ich
fotografierte alles, was mir unterkam, aber vor allem nahm ich auf, was in
unserer Einheit, im Dienst vor sich ging.“153 Seine Aufnahmen illustrieren den
alltäglichen Dienst, klammern aber zugleich negative Facetten der Besatzung
aus.154 Die nicht für Propagandazwecke, sondern für den eigenen Gebrauch
geschossenen Aufnahmen erlauben somit einen Blick hinter die Kulissen aus
einer subjektiven, zugleich aber auch selektiven Perspektive „von unten“:
Seine Fotos zeigen martialisch anmutende Manöver in Niederösterreich 1946,
einen Rotarmisten beim Flicken eines Reifens, die Bergung eines in den Fluss
gestürzten Lastwagens bis hin zur Freude im Gesicht eines Soldaten, andert-
halb Jahre nach Kriegsende in die Heimat zurückkehren zu können. Diese
Porträts der von der österreichischen Bevölkerung oft als anonyme Masse
empfundenen und gefürchteten „Russen“ lassen die Protagonisten gewisser-
maßen aus ihrer Namenlosigkeit heraustreten und gestatten einen Perspek-
tivenwechsel.155
Im Bereich der Freizeit gewähren die für den privaten Gebrauch geschos-
senen Fotos von Boris Zajcev ebenfalls unmittelbare Einblicke. Zu sehen
sind Szenen aus dem Alltag und der Freizeitgestaltung einiger der in Nie-
derösterreich stationierten Rotarmisten: Zajcevs Kamerad Griša, der Gitarre
spielt oder Kasačok tanzt, Soldaten – darunter Zajcev selbst – auf einem der
begehrten Motorräder, ein einfacher Essnapf, dessen undefinierbaren Inhalt
sich gleich mehrere Soldaten teilen, oder ein geschnürtes Wickelkind eines
sowjetischen Paares, das in Österreich auf die Welt kam. Zajcev dokumentier-
te damit Alltagssituationen sowjetischer Besatzungssoldaten in der Welt des
ehemaligen Feindes und ideologischen Gegners. Etliche dieser Aufnahmen
sind unter dem Stichwort „Soldatenhumor“ zu subsumieren. Sie sollten de-
monstrieren, dass man auch schwierige Situationen mit Humor bewältigte.
Augenzwinkernde Bildunterschriften wie „Gib mir meinen Bräutigam wie-
153 Ebd.
154 Dies kann insofern als typisch bezeichnet werden, als auch die Alltagsfotografie in der NS-Zeit
weitestgehend auf ihre privaten Belange bezogen blieb. Vgl. Marita Krauss, Kleine Welten. Alltags-
fotografie – die Anschaulichkeit einer „privaten Praxis“, in: Gerhard Paul (Hg.), Visual History. Ein
Studienbuch. Göttingen 2006, S. 57–75, hier: S. 67.
155 Vgl. Iber – Stelzl-Marx, Begleitheft zur Ausstellung.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918