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II. Medium der
Besatzung678
der alliierten Medien zueinander noch entspannt gewesen war, entwickelte
sich zunehmend ein Propagandakrieg zwischen den sowjetischen und den
westlichen Medien in Österreich.36 Zunächst herrschte, wie Oliver Rathkolb
betont, eine „Atmosphäre wechselseitiger Toleranz“ zwischen den Journa-
listen der TASS und dem Chefredakteur des „Wiener Kuriers“, Hendric J.
Burns, weswegen in dieser US-Besatzungszeitung mehrere lange Artikel ei-
nes TASS-Redakteurs über das Leben in der Sowjetunion erscheinen konn-
ten.37
Charakteristischerweise enthielt sich auch „Za čest’ Rodiny“ in dieser
frühen Phase jeglicher Angriffe auf die Westmächte und stellte auftretende
interalliierte Differenzen als Ergebnis der Handlungen von Einzelpersonen
dar. Ein Beispiel hierfür ist die Berichterstattung über die Ermordung eines
sowjetischen Hauptmannes und die Verwundung eines weiteren Offiziers
durch den amerikanischen Sergeanten Shirley B. Dixon Anfang 1946.38 Dazu
„Za čest’ Rodiny“: „Dixon, der die sowjetischen Offiziere aus dem Waggon
eines amerikanischen Zuges, in den diese in St. Pölten eingestiegen waren,
hinauswerfen wollte, verlangte zunächst, dass [Vasilij] Klement’ev, [Petr]
Sal’nikov und Oberleutnant Nikolaj Usarkov aus dem fahrenden Zug sprin-
gen sollten. Als sich diese allerdings weigerten, die wilde Forderung in die
Tat umzusetzen, und Hauptmann Klement’ev über Zeichen Dixon ersuchte,
den Zug mit der Notbremse anzuhalten, schoss der amerikanische Sergeant
mit seinem Revolver. Der erste Schuss verletzte Hauptmann Klement’ev töd-
lich, die zweite Kugel durchschoss die Brust von Oberleutnant Sal’nikov.“
Anschließend konzentrierte sich der Artikel darauf, wie die amerikanischen
Zeugen Dixon belasteten und sich dieser bei der Gerichtsverhandlung für
schuldig erklärte.39
Generell enthielt sich die Zeitung bei der Schilderung des Falles jeglicher
antiamerikanischer Polemik. Trotz der nüchternen Sprache wurde impliziert,
das Urteil – ein Freispruch – sei politisch motiviert. Dieses rief, so „Za čest’
Rodiny“, „tiefe Verwunderung bei allen objektiven Beobachtern des Prozes-
ses hervor: Das amerikanische Militärgericht erklärte den Mörder für un-
schuldig und sprach ihn frei.“40 Marschall Konev protestierte öffentlich gegen
den Freispruch.41
36 Zur entsprechenden Berichterstattung in der „Österreichischen Zeitung“ vgl. Mueller, Österreichi-
sche Zeitung und Russische Stunde, S. 111.
37 Rathkolb, Politische Propaganda, S. 122.
38 Mueller, Österreichische Zeitung und Russische Stunde, S. 111f.
39 Amerikanskij sud opravdal ubijcu sovetskogo oficera, in: Za čest’ Rodiny, 1.3.1946, S. 6.
40 Ebd.
41 Rathkolb, Politische Propaganda, S. 112.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918