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II. Medium der
Besatzung682
schnell durch die Straßen Wiens ging oder mit einem Lift fuhr. Für einen Ar-
beitslosen sah er nicht schlecht aus. Sein Gesicht wurde gebräunt und voller.
Wahrscheinlich verkaufte er nicht 200, sondern 1000 Zigaretten. Und außer-
dem handelte er mit amerikanischen Konserven, französischem Cognac, eng-
lischem Stoff und italienischen Zitronen. […] Auf die Frage, wie es ihm gehe,
antwortete er amerikanisiert: ‚Okay‘. […] Er dachte nicht daran, dass er Wien
seine Arbeit und seine Energie stahl.“56
Wenig später prangerte derselbe Autor erneut „die Gier und den Egois-
mus von Spekulanten“ an, wodurch Waren einfach „verschwinden“ würden.
In diesem Zusammenhang kritisierte er das Wirtschaftssystem in Österreich:
So würden die „faschistischen Gesetze, die nach wie vor in Kraft sind, den
mit dem faschistischen Lager eng verbundenen Industriellen helfen. Das
Volk spürt das. Die Arbeiter fordern immer häufiger, dass Großbetriebe ver-
staatlicht werden sollten. Sie möchten nicht ihre Kräfte verschwenden. Sie
sind bereit, ehrlich und selbstlos zu arbeiten, aber zum Wohle des Volkes und
nicht zum Vorteil jener, die mit den Interessen des Volkes Handel treiben.“57
1.4.1 Ein „neues Zistersdorf“: Propagierung des
sowjetischen Wirtschaftsimperiums
Der Grundtenor dieser Artikel ist auch als Vorbereitung der Leser auf die Be-
schlagnahmung des Deutschen Eigentums in der sowjetischen Besatzungszo-
ne Österreichs zu sehen, die mit der Veröffentlichung des Befehls Nr. 17 am
5. Juli 1946 in großem Maßstab anlief.58 Im August 1946 erschien innerhalb
der Reihe „Briefe über Österreich“ eine mehrteilige Serie über die beschlag-
nahmten Zistersdorfer Erdölfelder, in der auf die Rolle der Roten Armee bei
ihrer Wiederinstandsetzung besonders hingewiesen wird. So berichtet „Za
čest’ Rodiny“ etwa über eigens aus der Sowjetunion nach Österreich beorderte
Erdölfachleute, die innerhalb kurzer Zeit Öl „für unsere Armee und die Volks-
wirtschaft Österreichs“ gewinnen konnten. Die „deutschen Kapitalisten“ hin-
gegen hätten sich in keiner Weise um das Wohl der Arbeiter gekümmert und
weder Schulen und Klubs noch Krankenhäuser oder Kindergärten errichtet.59
Als weitere Legitimation für die „auf der Basis der Beschlüsse der Potsdamer
Konferenz“ erfolgte Übernahme wird auf den bereits geleisteten sowjetischen
Einsatz verwiesen: „Tausende Kriegsgefangene – Russen, Ukrainer, Tschechen“
56 A. Šarov, Pis’ma o Vene, in: Za čest’ Rodiny, 16.6.1946, S. 6. Vgl. dazu auch Iber, Die Sowjetische
Mineralölverwaltung, S. 120–122.
57 A. Šarov, Pis’ma o Vene, in: Za čest’ Rodiny, 30.6.1946, S. 7.
58 Siehe dazu auch das Kapitel A.III.6 „Das Wirtschaftsimperium“ in diesem Band.
59 A. Šarov, Pis’ma ob Avstrii. V Cistersdorfe, in: Za čest’ Rodiny, 11.8.1946, S. 4.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918