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1. Institutionalisierte Erinnerung im Wandel 699
Statuen und Reliefs bestehende Elemente errichtet wurden. Unübersehbar ist
die 85 Meter hohe Monumentalskulptur „Mutter Heimat ruft!“, die sich – zu-
nächst noch wegen ihrer körperbetonten Kleidung und ihres eher unmilitäri-
schen Aussehens kritisiert – mit ihrem Ausdruck aggressiven Triumphs zum
bekanntesten Symbol des siegreichen Krieges entwickelte.30 Für das persönli-
che Gedächtnis gewöhnlicher Menschen bleibt da kein Platz.31
Neben den unzähligen Gedenktafeln, Skulpturen, Mahnmalen oder Mo-
saiken wie jenen in der Moskauer Metrostation Komsomol’skaja, die über
das ganze Land verteilt sind und die Kriegserinnerung im öffentlichen Raum
prägen, erfolgte auch eine Musealisierung des „Großen Vaterländischen Krie-
ges“. Zu den großen Komplexen zählen primär das 1968 in Wolgograd eröff-
nete Panoramamuseum „Stalingrader Schlacht“ („Panorama ‚Stalingradskaja
bitva‘“), in dessen Zentrum das größte Panoramagemälde Russlands mit dem
Titel „Niederlage der faschistischen Truppen bei Stalingrad“ steht, und das in
Kiew errichtete „Museum des Großen Vaterländischen Krieges“.
Ein zentrales Moskauer Museum des „Großen Vaterländischen Krieges“
wurde nach jahrzehntelangen Planungen, Diskussionen und dem Druck der
Veteranenverbände erst zum 50. Jahrestag des Sieges 1995 fertiggestellt. Das
auf einer Fläche von beinahe 140 Hektar verteilte Ensemble auf dem „Ver-
neigungshügel“ („Poklennaja Gora“) besteht aus einem halbkreisförmigen
Zentralgebäude mit Kuppel, in dem das Museum, eine Gemäldegalerie und
Gedenkräume untergebracht sind, einem „Siegespark“ und mehreren Denk-
mälern. Kurz nach der Eröffnung wurde es um ein Museum der jüdisch-rus-
sischen Geschichte und des Holocaust, eine orthodoxe Kirche, eine Moschee
und eine Synagoge ergänzt.32 Das monumentale Gebäude des „Museums des
Sieges“ („Muzej Pobedy“) bildet den Hintergrund für den Siegesobelisken
mit einer symbolträchtigen Höhe von 141,8 Metern – zehn Zentimeter für je-
den Kriegstag. Geschmückt ist das wohl gewaltigste Denkmal Moskaus mit
den in Reliefs eingebetteten Namen der „Heldenstädte“. Auch der gewählte
Ort des vom georgischen Künstler, Architekten und Bildhauer Zurab Cerete-
li geschaffenen Erinnerungskomplexes ist symbolreich: Hier hatte Kutuzov
nach Tolstojs Epos „Krieg und Frieden“ 1812 einen Kriegsrat abgehalten,
30 Jahn, Triumph und Trauma, S. 102–105; Sabine Rosemarie Arnold, „Das Beispiel der Heldenstadt
wird ewig die Herzen der Völker erfüllen!“ Gedanken zum sowjetischen Totenkult am Beispiel des
Gedenkkomplexes in Volgograd, in: Reinhart Koselleck – Michael Jeismann (Hg.), Der politische
Totenkult: Kriegerdenkmäler in der Moderne. München 1994, S. 351–374, hier: S. 351f. Zur Ent-
stehung des Museums vgl. auch: Federal’noe Archivnoe Agenstvo – Rossijskij Gosudarstvennyj
Archiv Novejšej Istorii (Hg.), Pamjatnik Pobedy. Istorija sooruženija memorial’nogo kompleksa
pobedy na Poklonnoj gore v Moskve. Sbornik dokumentov 1943–1991 gg. Moskau 2004.
31 Scherbakowa, Zerrissene Erinnerung, S. 35.
32 Jahn, Triumph und Trauma, S. 122–125, 190–193.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918