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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung:
Topoi und Tabus
Der als Synonym für Schrecken verstandene Ruf „Die Russen kommen!“ eilte
der vorrückenden Roten Armee Anfang 1945 in Österreich ebenso voraus
wie in Ostdeutschland. Bis heute sind die Erinnerungen der österreichischen
Bevölkerung zumindest ambivalent, wenn nicht auffallend negativ konnoti-
ert. Vielfach werden Erzählungen von Übergriffen, Plünderungen und ver-
schiedenen Formen der Kulturlosigkeit der sowjetischen Besatzer tra diert,
die positive Erinnerungen an die meist auch als kinderlieb erlebten „Rus-
sen“, Lebensmittelhilfen oder galante Offiziere überlagern. Wie hinlänglich
bekannt ist, wird auch jenes Klischee von den Alkohol, Kinder und Uhren
liebenden sowjetischen Soldaten häufig wiederholt.38
Während sich zahlreiche Studien mit der Erinnerung der österreichischen
Bevölkerung an die „Russen“ auseinandersetzen, ist bisher wenig über das
persönliche Bild ehemaliger sowjetischer Besatzungssoldaten von Österreich
bekannt. Ihre Empfindungen, wie das Leben in der Fremde mit den Frem-
den ihrerseits wahrgenommen wurde, die Sicht der „anderen“ Seite, blieben
versperrt.39 In der sowjetischen und postsowjetischen Historiografie stand
die Erforschung der unmittelbaren Kriegsereignisse oder außenpolitischer
wie wirtschaftlicher Fragestellungen im Vordergrund. Und für die österrei-
chische Forschung war die Kontaktaufnahme mit einheimischen Zeitzeugen
unvergleichlich einfacher zu bewerkstelligen als mit Veteranen in der (ehe-
maligen) Sowjetunion. Erst im Zuge des internationalen Forschungsprojek-
tes „Die Rote Armee in Österreich“ wurde eine erste Oral-History-Studie mit
ehemaligen sowjetischen Besatzungsangehörigen und Offiziersgattinnen in
Österreich durchgeführt, die anschließend durch Einzelinterviews erweitert
wurde.40 Auf der Basis der vorliegenden rund 60 Interviews kann im Folgen-
den der Frage nachgegangen werden, welche Themen in Interviews eher
tabuisiert, welche auf der anderen Seite wiederum betont und welche retro-
spektiven, möglicherweise mythologisierten und verklärten Bilder von der
Zeit in Österreich vermittelt werden.
38 Vgl. etwa Dornik, Besatzungsalltag in Wien; Hannl, Mit den Russen leben, S. 124.
39 Hannl, Mit den Russen leben, S. 6.
40 Bezborodov – Pavlenko, Erinnerungen an Österreich. Eine Analyse des Interviewsamples wurde
auch im Rahmen einer Diplomarbeit unter der wissenschaftlichen Leitung von Ol’ga Pavlenko
durchgeführt, der ich herzlich für zahlreiche Hinweise im Zusammenhang mit diesem Thema dan-
ke. Vgl. Dar’ja Sergeevna Gorčakova, 1945 god v kontekste „ustnoj istorii“ Vtoroj Mirovoj Vojny (po
materialam interv’ju veteranov Svoetskoj Armii i uznikov Tret’ego Reicha). Phil. DA. Moskau 2004.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918