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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 708 -
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III. Formen der Erinnerung708 an diesem wunderbaren, warmen, guten Maitag.“54 Der damalige Leutnant Ivan Šinkarev verweist hingegen auf einen anderen Aspekt des Jubels: „Es wurde eine Versammlung ausgerufen, der Kommandeur des Regiments ver- lautbarte das Ende des Krieges, gratulierte, und da begann ein Jubel. Aber Soldatenjubel mit Waffen ist, wissen Sie, gefährlich. Denn alle hatten Waffen, und es begann ein unkontrolliertes Schießen. Nun, wir schossen natürlich in die Luft, aber es rief eine Unruhe bei uns hervor, weswegen dann die Solda- ten keine Waffen mehr haben durften.“55 Mit dem Ende der Kampfhandlungen ändert sich auch die Stilistik der Erin- nerungen. Im Vordergrund stehen fortan Sujets vom Leben in Österreich, von der Natur und den Einheimischen selbst, die nun als „freundliche Österrei- cher“ wahrgenommen werden. Selbst Auseinandersetzungen mit vereinzelten Teilen der Wehrmacht tragen Züge von „Militärfabeln“, die an einen „leichten Spaziergang der Sieger“ erinnern.56 Mitunter nehmen die Schilderungen sogar anekdotenhafte Formen an. „Ich erzählte Ihnen noch nicht, wie die Soldaten aus dem Käfig, aus dem Käfig die wilden Tiere ausließen. Danach wurden sie in ganz Wien wieder eingefangen“, meint etwa Boris Van’kov lachend. „Lauft herum! Alle befreien wir und auch euch befreien wir.“57 Das Gefühl der Sieger bringt etwa der 1925 geborene Egor Kuzmičev zum Ausdruck, der als Gefreiter nach Österreich kam. Zugleich verweist er auf die Verluste, den hohen Preis für den Sieg der Roten Armee: „Wir prahlten nicht, nein, nein, nein, es gab einfach diesen Stolz. Besonders Stolz gab es, als der Krieg zu Ende ging. […] Der Krieg war aus, wir erhielten andere Klei- dung, legten Orden an. Nicht die Österreicher, sie legten die Ohren an, als es hieß ‚Russen‘. […] Wir sind Sieger, wir gingen nur voran. Aber es gab diese Kriegsepisoden, den Tod und die Verletzung von Kameraden.“58 Generell verweisen die Zeitzeugen aber – ähnlich wie in schriftlichen Berichten über Wien – auf die schöne Stadt, die nicht zerstört werden dürfe, und die Bewoh- ner, die sie freundschaftlich empfingen.59 2.1.2 „Die freundlichen Menschen“: Erinnerungen an die Bevölkerung „Es gab Kontakte mit der Zivilbevölkerung. Wir fühlten Wohlwollen. Feind- seligkeiten gab es keine. Alles war frei, frei. Wir fühlten uns sehr frei, sehr 54 OHI, Reformackij. Durchgeführt von Pavlenko. 55 OHI, Šinkarev. 56 Bezborodov – Pavlenko, Erinnerungen an Österreich, S. 405. 57 OHI, Van’kov. 58 OHI, Egor Kuzmičev. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 13.4.2003. 59 Toper, Blick aus Moskau, S. 90.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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