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III. Formen der
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an diesem wunderbaren, warmen, guten Maitag.“54 Der damalige Leutnant
Ivan Šinkarev verweist hingegen auf einen anderen Aspekt des Jubels: „Es
wurde eine Versammlung ausgerufen, der Kommandeur des Regiments ver-
lautbarte das Ende des Krieges, gratulierte, und da begann ein Jubel. Aber
Soldatenjubel mit Waffen ist, wissen Sie, gefährlich. Denn alle hatten Waffen,
und es begann ein unkontrolliertes Schießen. Nun, wir schossen natürlich in
die Luft, aber es rief eine Unruhe bei uns hervor, weswegen dann die Solda-
ten keine Waffen mehr haben durften.“55
Mit dem Ende der Kampfhandlungen ändert sich auch die Stilistik der Erin-
nerungen. Im Vordergrund stehen fortan Sujets vom Leben in Österreich, von
der Natur und den Einheimischen selbst, die nun als „freundliche Österrei-
cher“ wahrgenommen werden. Selbst Auseinandersetzungen mit vereinzelten
Teilen der Wehrmacht tragen Züge von „Militärfabeln“, die an einen „leichten
Spaziergang der Sieger“ erinnern.56 Mitunter nehmen die Schilderungen sogar
anekdotenhafte Formen an. „Ich erzählte Ihnen noch nicht, wie die Soldaten
aus dem Käfig, aus dem Käfig die wilden Tiere ausließen. Danach wurden sie
in ganz Wien wieder eingefangen“, meint etwa Boris Van’kov lachend. „Lauft
herum! Alle befreien wir und auch euch befreien wir.“57
Das Gefühl der Sieger bringt etwa der 1925 geborene Egor Kuzmičev zum
Ausdruck, der als Gefreiter nach Österreich kam. Zugleich verweist er auf
die Verluste, den hohen Preis für den Sieg der Roten Armee: „Wir prahlten
nicht, nein, nein, nein, es gab einfach diesen Stolz. Besonders Stolz gab es, als
der Krieg zu Ende ging. […] Der Krieg war aus, wir erhielten andere Klei-
dung, legten Orden an. Nicht die Österreicher, sie legten die Ohren an, als es
hieß ‚Russen‘. […] Wir sind Sieger, wir gingen nur voran. Aber es gab diese
Kriegsepisoden, den Tod und die Verletzung von Kameraden.“58 Generell
verweisen die Zeitzeugen aber – ähnlich wie in schriftlichen Berichten über
Wien – auf die schöne Stadt, die nicht zerstört werden dürfe, und die Bewoh-
ner, die sie freundschaftlich empfingen.59
2.1.2 „Die freundlichen Menschen“: Erinnerungen an die Bevölkerung
„Es gab Kontakte mit der Zivilbevölkerung. Wir fühlten Wohlwollen. Feind-
seligkeiten gab es keine. Alles war frei, frei. Wir fühlten uns sehr frei, sehr
54 OHI, Reformackij. Durchgeführt von Pavlenko.
55 OHI, Šinkarev.
56 Bezborodov – Pavlenko, Erinnerungen an Österreich, S. 405.
57 OHI, Van’kov.
58 OHI, Egor Kuzmičev. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 13.4.2003.
59 Toper, Blick aus Moskau, S. 90.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918