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III. Formen der
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Walzern von Strauß, und jeder kannte sie. Und als sie hineingingen, sagten
sie: ‚tra-tra-tra‘ [Borisov klopft dabei einen Walzertakt auf die Tischplatte]
und begannen zu singen. Und sofort sagen die Österreicher: ‚Woher kennt
ihr das?‘ Ich sage: ‚Wo ist das Grab von Strauß, Beethoven?‘ Und sie machten
dann solche Augen. Bei ihnen, bei allen änderte sich sofort die Haltung. Wir
wurden ihre, die eigenen Leute.“99
Einen besonderen Eindruck hinterließ zudem der erste Besuch des Wiener-
waldes. Dazu Borisov: „Am nächsten Tag wurden wir in den besten Wiener
Wohnungen einquartiert. Wir bekamen insgesamt zwei Tage, um in Woh-
nungen zu wohnen. Dann wurden wir, unsere Division, in den Wienerwald
verlegt, dorthin, wo, wie ich vom Strauß-Film wusste, er spazieren gegangen
war, komponiert hatte, in der Kutsche gefahren war und seine Walzer kom-
poniert hatte. Ich hatte den Eindruck, dass ich mich nicht im Krieg, sondern
auf irgendeiner Exkursion befand, von der ich schon lange geträumt hatte.“100
Auch Aleksandr Fadin, 1924 im Gebiet Nižegorodsk geboren und im Rang
eines Obersts an der Befreiung Wiens beteiligt, bringt seine Eindrücke vom Wie-
nerwald zu Kriegsende unmittelbar mit Strauß und diesen wiederum mit dem
Kinofilm in Verbindung: „Die Wälder waren natürlich akkurat abgehobelt, die
Bäume abgeschnitten, es war schon nicht mehr derselbe Wald, durch den Strauß
gefahren war, wo er seine Walzer komponiert hatte, wie wir es im Kinofilm ,Der
Große Walzer‘ gesehen hatten, in diesem ausgezeichneten, guten Film.“101
Ähnlich schildert Georgij Popov seine Reminiszenzen: „Zweimal fuhr
ich in den Wienerwald. Dort, wo Strauß gewesen war. Denn zuvor hatte ich
hier, in Russland, den Kinofilm ‚Der Große Walzer‘ gesehen, sehr oft, 15-mal,
wenn nicht öfter. Mir gefiel dieser Film, und ich wollte natürlich genau dort
[im Wienerwald] sein, schauen, den Vogelgesang hören und alles. Zweimal
war ich dort.“102
2.1.6 „Sie waren viel weiter“: Eindrücke vom Lebensstandard
Abgesehen vom Topos der Musik thematisieren einige der Interviewpartner
ihre Eindrücke von einem – im Vergleich mit ihrer Heimat – saubereren und
wohlhabenderen Land. Die unmittelbare Konfrontation mit dem Kapitalis-
mus stellte zumindest für einen Teil der sowjetischen Besatzungsangehöri-
gen einen tief gehenden „Kulturschock“ dar. Gerade zu Kriegsende konnten
99 OHI, Borisov.
100 Ebd.
101 OHI, Aleksandr Fadin. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 1.12.2002.
102 OHI, Georgij Popov. Durchgeführt von Peter Ruggenthaler. Rostov 12.4.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918