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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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III. Formen der Erinnerung720 Walzern von Strauß, und jeder kannte sie. Und als sie hineingingen, sagten sie: ‚tra-tra-tra‘ [Borisov klopft dabei einen Walzertakt auf die Tischplatte] und begannen zu singen. Und sofort sagen die Österreicher: ‚Woher kennt ihr das?‘ Ich sage: ‚Wo ist das Grab von Strauß, Beethoven?‘ Und sie machten dann solche Augen. Bei ihnen, bei allen änderte sich sofort die Haltung. Wir wurden ihre, die eigenen Leute.“99 Einen besonderen Eindruck hinterließ zudem der erste Besuch des Wiener- waldes. Dazu Borisov: „Am nächsten Tag wurden wir in den besten Wiener Wohnungen einquartiert. Wir bekamen insgesamt zwei Tage, um in Woh- nungen zu wohnen. Dann wurden wir, unsere Division, in den Wienerwald verlegt, dorthin, wo, wie ich vom Strauß-Film wusste, er spazieren gegangen war, komponiert hatte, in der Kutsche gefahren war und seine Walzer kom- poniert hatte. Ich hatte den Eindruck, dass ich mich nicht im Krieg, sondern auf irgendeiner Exkursion befand, von der ich schon lange geträumt hatte.“100 Auch Aleksandr Fadin, 1924 im Gebiet Nižegorodsk geboren und im Rang eines Obersts an der Befreiung Wiens beteiligt, bringt seine Eindrücke vom Wie- nerwald zu Kriegsende unmittelbar mit Strauß und diesen wiederum mit dem Kinofilm in Verbindung: „Die Wälder waren natürlich akkurat abgehobelt, die Bäume abgeschnitten, es war schon nicht mehr derselbe Wald, durch den Strauß gefahren war, wo er seine Walzer komponiert hatte, wie wir es im Kinofilm ,Der Große Walzer‘ gesehen hatten, in diesem ausgezeichneten, guten Film.“101 Ähnlich schildert Georgij Popov seine Reminiszenzen: „Zweimal fuhr ich in den Wienerwald. Dort, wo Strauß gewesen war. Denn zuvor hatte ich hier, in Russland, den Kinofilm ‚Der Große Walzer‘ gesehen, sehr oft, 15-mal, wenn nicht öfter. Mir gefiel dieser Film, und ich wollte natürlich genau dort [im Wienerwald] sein, schauen, den Vogelgesang hören und alles. Zweimal war ich dort.“102 2.1.6 „Sie waren viel weiter“: Eindrücke vom Lebensstandard Abgesehen vom Topos der Musik thematisieren einige der Interviewpartner ihre Eindrücke von einem – im Vergleich mit ihrer Heimat – saubereren und wohlhabenderen Land. Die unmittelbare Konfrontation mit dem Kapitalis- mus stellte zumindest für einen Teil der sowjetischen Besatzungsangehöri- gen einen tief gehenden „Kulturschock“ dar. Gerade zu Kriegsende konnten 99 OHI, Borisov. 100 Ebd. 101 OHI, Aleksandr Fadin. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 1.12.2002. 102 OHI, Georgij Popov. Durchgeführt von Peter Ruggenthaler. Rostov 12.4.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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