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III. Formen der
Erinnerung724
nur ihre [Autoren] lesen, sondern auch
andere. Die Bibliotheken waren in ih-
ren Häusern immer gut, die Bücher
gut ausgestattet, nicht so arm wie bei
uns.“116 Danach kommt der Veteran
auf die Tischsitten zu sprechen, die
ihm ebenfalls positiv auffielen: „Nun,
die Gedecke, für Hauptspeisen, den
Nachtisch. Zu Tisch benahmen sie sich
natürlich ruhiger, nicht so wie wir:
Wir essen die Vor- und Hauptspeise
mit dem Löffel. Sie essen nämlich die
Hauptspeise mit Messer und Gabel. So
ist das, verstehen Sie, so ist das.“117
Abgesehen von den Manieren betont
Obolenskij zudem die bessere Wohnsi-
tuation in Österreich: „Und wir hielten die Österreicher nicht für unsere Fein-
de. Die Leute lebten, sie lebten natürlich gut, die Österreicher: eigene Häuser
oder zwei-, dreistöckige Häuser mit mehreren Wohnungen, meistens mit ei-
nem eigenen Eingang in jede Wohnung. So, Küche, Wohnzimmer, unbedingt
ein Schlafzimmer, wenn es noch Zimmer gibt: ein Kinderzimmer und diverse
andere Zimmer. Und schöne Bettwäsche. Und auch schöne Kleider.“118 An-
schließend hebt der in Moskau lebende Veteran die damaligen österreichi-
schen Bekleidungssitten hervor, die er – trotz anfänglicher Verwunderung
– gleichfalls als „kultiviert“ empfindet: „So, am Sonntag gingen sie gerne in
die Berge, sich erholen, sie zogen eine Jacke, ein weißes Hemd, eine Krawatte,
einen Hut und kurze Hosen, nun, meistens Lederhosen, kurze, an und Stiefel.
Und so gingen sie in die Berge. So. Für uns war das am Anfang natürlich sehr
komisch, wie man so sagt, aber dann gewöhnten wir uns daran. […] All das
ist ja ein menschliches Aussehen, sozusagen. Da geht nicht irgendein Räuber,
sondern ein kultivierter Mensch.“119
Die Lederhosen blieben auch Anatolij Prjachin, der bis 1955 als Überset-
zer in der Kommandantur in Urfahr arbeitete, in Erinnerung. Der damalige
Major empfand dieses Bekleidungsstück ebenfalls als gewöhnungsbedürftig
und zugleich erheiternd: „Sie gingen dort in kurzen Lederhosen, diesen ziem-
lich schmutzigen. Unser Major sagte sogar lachend: ‚Je schmutziger, desto
116 OHI, Obolenskij.
117 Ebd.
118 Ebd.
119 Ebd.
Abb. 122: Österreicher mit Gamsbärten am
Hut hinterließen einen bleibenden Eindruck
bei sowjetischen Besatzungssoldaten. (Quel-
le: AdBIK, Foto: Zajcev)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918