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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 744 -
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III. Formen der Erinnerung744 betonten sie daher die Vorteile des Lebens in ihrer Heimat und glaubten, so Sluckijs Kritik, mitunter selbst an diese Lügen: „Irgendwo in Österreich staunten die Einwohner über die Erzählungen unse- res Soldaten, eines ehemaligen Schusters, der über Russland erlogene Komplimente machte. Natürlich übertrieben Tausende und Tausende Soldaten die positiven Sei- ten unseres Lebens gegenüber den Aus- ländern, wobei sie diese Lüge sich selbst gegenüber durch die Gerechtigkeit des Lebens in Russland rechtfertigten.“202 Zugleich betont er aber seinen eigenen Glauben an die Vorzüge der Sowjetunion. So seien die sowjetischen Armeeangehö- rigen erstmals in Europa mit Bordellen konfrontiert worden: „Im Bericht wurde festgehalten, dass die rumänische Bour- geoisie mit der ‚Kapitalisierung‘ der Ideo- logie des Rotarmisten und damit rechnet, dass sie nach ihrer Heimkehr bei uns die kapitalistische Ordnung einführen. Al- lerdings verspürte unser Soldat gerade in Rumänien seine Überlegenheit gegenüber Europa. […] Wir sahen erstmals Bordelle. Der Kommandeur der Trophäeneinheit Govorov kaufte eines dieser Häuser für 24 Stunden.“203 In der Sowjetunion wäre es unvorstellbar gewesen, dass – wie in Rumä- nien – die Ehemänner den vereinbarten Preis für ihre Frauen eintrieben und sich gegebenenfalls auf der Kommandantur beschwerten. „Alle [sowjetischen Soldaten] hatten die klare Vorstellung: ‚Bei uns ist das unmöglich.‘“204 Als besonders typisches Beispiel für die Verderbtheit, die das kapitalisti- sche System in Europa mit sich brachte, führt Sluckij die Verbreitung von Ge- schlechtskrankheiten an: „Wahrscheinlich werden unsere Soldaten Rumänien als das Land der Syphiliskranken in Erinnerung behalten. Auf vielen Tafeln ru- mänischer Ärzte steht neben bescheidenen Aufschriften wie ‚Innere Krankhei- 202 Ebd. 203 Ebd., S. 36. 204 Ebd. Abb. 125: Der anerkannte sowjetische Lyriker Boris Sluckij brachte noch 1945 seine Eindrücke vom Kriegsende und der Besatzungszeit zu Papier und sprach dabei relativ schonungslos eine Reihe ta- buisierter Themen an. Publiziert wurde die Autobiografie erst 60 Jahre später. (Quelle: Sluckij, O drugich i o sebe)
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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