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III. Formen der
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betonten sie daher die Vorteile des Lebens
in ihrer Heimat und glaubten, so Sluckijs
Kritik, mitunter selbst an diese Lügen:
„Irgendwo in Österreich staunten die
Einwohner über die Erzählungen unse-
res Soldaten, eines ehemaligen Schusters,
der über Russland erlogene Komplimente
machte. Natürlich übertrieben Tausende
und Tausende Soldaten die positiven Sei-
ten unseres Lebens gegenüber den Aus-
ländern, wobei sie diese Lüge sich selbst
gegenüber durch die Gerechtigkeit des
Lebens in Russland rechtfertigten.“202
Zugleich betont er aber seinen eigenen
Glauben an die Vorzüge der Sowjetunion.
So seien die sowjetischen Armeeangehö-
rigen erstmals in Europa mit Bordellen
konfrontiert worden: „Im Bericht wurde
festgehalten, dass die rumänische Bour-
geoisie mit der ‚Kapitalisierung‘ der Ideo-
logie des Rotarmisten und damit rechnet,
dass sie nach ihrer Heimkehr bei uns die
kapitalistische Ordnung einführen. Al-
lerdings verspürte unser Soldat gerade in
Rumänien seine Überlegenheit gegenüber Europa. […] Wir sahen erstmals
Bordelle. Der Kommandeur der Trophäeneinheit Govorov kaufte eines dieser
Häuser für 24 Stunden.“203
In der Sowjetunion wäre es unvorstellbar gewesen, dass – wie in Rumä-
nien – die Ehemänner den vereinbarten Preis für ihre Frauen eintrieben und
sich gegebenenfalls auf der Kommandantur beschwerten. „Alle [sowjetischen
Soldaten] hatten die klare Vorstellung: ‚Bei uns ist das unmöglich.‘“204
Als besonders typisches Beispiel für die Verderbtheit, die das kapitalisti-
sche System in Europa mit sich brachte, führt Sluckij die Verbreitung von Ge-
schlechtskrankheiten an: „Wahrscheinlich werden unsere Soldaten Rumänien
als das Land der Syphiliskranken in Erinnerung behalten. Auf vielen Tafeln ru-
mänischer Ärzte steht neben bescheidenen Aufschriften wie ‚Innere Krankhei-
202 Ebd.
203 Ebd., S. 36.
204 Ebd.
Abb. 125: Der anerkannte sowjetische
Lyriker Boris Sluckij brachte noch 1945
seine Eindrücke vom Kriegsende und
der Besatzungszeit zu Papier und sprach
dabei relativ schonungslos eine Reihe ta-
buisierter Themen an. Publiziert wurde
die Autobiografie erst 60 Jahre später.
(Quelle: Sluckij, O drugich i o sebe)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918