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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 747 -
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3. Schriftliche Zeugnisse 747 Mehrfach klingt das latente patriarchalische Vorurteil durch, die Mitschuld für einen Übergriff liege bei der Frau selbst.217 So führte vor allem die „univer- selle und hoffnungslose Angst dazu, dass die Frauen beim Eintreten der Sol- daten die Hände hoben, was die Männer dazu zwang, an der Tür zu stehen, während ihre Frauen vergewaltigt wurden“.218 Die meisten österreichischen Bauernmädchen hätten vorehelichen Geschlechtsverkehr gehabt, weshalb Sluckij ihre Moral infrage stellt. Außerdem erwiesen sich die Österreicherin- nen generell „als nicht sonderlich unnachgiebig“, zumal ein großer Männer- mangel herrschte. Ein Wiener hätte ihm sogar den Hinweis gegeben, „etwas Galanterie sei ausreichend, um von einer Wienerin alles zu bekommen, was du willst“.219 Trotzdem wundert er sich, dass die Frauen in Graz gegenüber britischen Offizieren „weniger streng“ waren als gegenüber sowjetischen.220 Teilweise, so Sluckijs implizierter Vorwurf, wären die betroffenen Frauen zu wenig intelligent gewesen, um sich ein sicheres Versteck zu suchen. Der ehemalige Politoffizier beschreibt, wie er in Söchau221 an der burgenländisch- steirischen Grenze eine improvisierte Befragung der Opfer durchführte. Er war eben von einer Tour zur „Eruierung der Stimmung unter der örtlichen Bevölkerung“ zurückgekommen. „Hier gab es ein Mädchen, das sechsmal in den vergangenen Tagen vergewaltigt worden war. Das war ein plumpes Dorfmädchen – sie konnte sich überhaupt nicht verstecken. In ihrem trüben Blick fand ich weder Leiden noch Schamhaftigkeit. All das war vergangen. Nur Müdigkeit war geblieben. Nach ihr befragte ich eine 18-jährige Kokette. Sie wurde nur einmal erwischt. Sie hat solche Orte in den Gemüsegärten, wo sie nicht einmal die leibliche Schwester finden würde. Und sie lachte mit ei- nem kurzen, verschreckten Lachen.“222 Anschließend zitiert der Autor die Schilderung der „koketten Angeli- ka“, wie die Übergriffe meist vor sich gingen: „Sie kommen um zwei, drei, vier Uhr morgens. Klopfen an die Tür: ‚Aufmachen!‘ Dann schlagen sie die Fensterscheiben ein, schlüpfen hinein. Werfen sich auf uns im Schlafzimmer. Wenn sie wenigstens die Alten in ein anderes Zimmer jagen würden. Wir schlafen jetzt überhaupt nicht mehr zu Hause. Wir gruben Löcher in den Schobern.“ Besonders war ihm die Phrase in Erinnerung geblieben: „Sie jagen uns wie die Hasen!“ 217 Siehe dazu auch das Kapitel B.II.1.1 „Vergewaltigung, Gegenstrategien und Folgen“ in diesem Band. 218 Sluckij, O drugich i o sebe, S. 101. 219 Ebd. 220 Ebd., S. 39. 221 Im russischen Original „Zichauer“, womit „Söchau“ gemeint sein dürfte. 222 Sluckij, O drugich i o sebe, S. 102.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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