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3. Schriftliche Zeugnisse 747
Mehrfach klingt das latente patriarchalische Vorurteil durch, die Mitschuld
für einen Übergriff liege bei der Frau selbst.217 So führte vor allem die „univer-
selle und hoffnungslose Angst dazu, dass die Frauen beim Eintreten der Sol-
daten die Hände hoben, was die Männer dazu zwang, an der Tür zu stehen,
während ihre Frauen vergewaltigt wurden“.218 Die meisten österreichischen
Bauernmädchen hätten vorehelichen Geschlechtsverkehr gehabt, weshalb
Sluckij ihre Moral infrage stellt. Außerdem erwiesen sich die Österreicherin-
nen generell „als nicht sonderlich unnachgiebig“, zumal ein großer Männer-
mangel herrschte. Ein Wiener hätte ihm sogar den Hinweis gegeben, „etwas
Galanterie sei ausreichend, um von einer Wienerin alles zu bekommen, was
du willst“.219 Trotzdem wundert er sich, dass die Frauen in Graz gegenüber
britischen Offizieren „weniger streng“ waren als gegenüber sowjetischen.220
Teilweise, so Sluckijs implizierter Vorwurf, wären die betroffenen Frauen
zu wenig intelligent gewesen, um sich ein sicheres Versteck zu suchen. Der
ehemalige Politoffizier beschreibt, wie er in Söchau221 an der burgenländisch-
steirischen Grenze eine improvisierte Befragung der Opfer durchführte. Er
war eben von einer Tour zur „Eruierung der Stimmung unter der örtlichen
Bevölkerung“ zurückgekommen. „Hier gab es ein Mädchen, das sechsmal
in den vergangenen Tagen vergewaltigt worden war. Das war ein plumpes
Dorfmädchen – sie konnte sich überhaupt nicht verstecken. In ihrem trüben
Blick fand ich weder Leiden noch Schamhaftigkeit. All das war vergangen.
Nur Müdigkeit war geblieben. Nach ihr befragte ich eine 18-jährige Kokette.
Sie wurde nur einmal erwischt. Sie hat solche Orte in den Gemüsegärten, wo
sie nicht einmal die leibliche Schwester finden würde. Und sie lachte mit ei-
nem kurzen, verschreckten Lachen.“222
Anschließend zitiert der Autor die Schilderung der „koketten Angeli-
ka“, wie die Übergriffe meist vor sich gingen: „Sie kommen um zwei, drei,
vier Uhr morgens. Klopfen an die Tür: ‚Aufmachen!‘ Dann schlagen sie die
Fensterscheiben ein, schlüpfen hinein. Werfen sich auf uns im Schlafzimmer.
Wenn sie wenigstens die Alten in ein anderes Zimmer jagen würden. Wir
schlafen jetzt überhaupt nicht mehr zu Hause. Wir gruben Löcher in den
Schobern.“ Besonders war ihm die Phrase in Erinnerung geblieben: „Sie jagen
uns wie die Hasen!“
217 Siehe dazu auch das Kapitel B.II.1.1 „Vergewaltigung, Gegenstrategien und Folgen“ in diesem
Band.
218 Sluckij, O drugich i o sebe, S. 101.
219 Ebd.
220 Ebd., S. 39.
221 Im russischen Original „Zichauer“, womit „Söchau“ gemeint sein dürfte.
222 Sluckij, O drugich i o sebe, S. 102.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918