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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 770 -
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Resümee770 den Rotarmisten die Uhrenliebe sprichwörtlich. Schließlich hatte es im Krieg zu den exklusiven Privilegien der Offiziere gehört, eine Armbanduhr – zu- mindest prinzipiell – beanspruchen zu dürfen. Als „Erlaubnis zur Selbstbe- dienung“ interpretierten viele die Ende 1944 erteilte Möglichkeit, Pakete in die Heimat zu senden. Doch auch bei der Demobilisierung oder beim Abzug der Truppen 1955 nahmen die Besatzungssoldaten mehr mit als bloße Erinne- rungen. Dem allgemeinen Streben nach „Erwerb“ lag eine spezifische Erklä- rung zugrunde: Die sowjetischen Truppen rekrutierten sich vorwiegend aus Bauern, bei denen die Erfahrung des Hungers, der Kollektivierung sowie der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes Spuren hinterlassen hatte. Nach den Jahren des Krieges und der Entbehrung lernten sie eine vergleichsweise luxuriöse Welt kennen, an deren Wohlstand sie selbst teilhaben wollten. Viele dachten außerdem an ihre Familien zu Hause, zumal sie wussten, dass es in der Sowjetunion viele Güter nicht zu kaufen gab. Trophäen konnten später gegen Alltagsgegenstände eingetauscht werden. So wurden die Märkte in Moskau oder auch in Taškent 1945 von „fremden Sachen“ überflutet. Auch „Trunksucht“ galt als eine der häufigsten Formen „amoralischer Erscheinungen“ unter Stalins Soldaten in Österreich. 84 Prozent aller vom NKVD registrierten „amoralischen Erscheinungen“ im ersten Quartal 1946 gingen auf dieses „Übel“ mit langer Tradition zurück. Nach Kriegsende stellte Trunksucht in zweierlei Hinsicht ein zentrales Problem dar: Einerseits wurden unter Alkoholeinfluss zahlreiche Vergehen begangen und Verkehrs- unfälle verursacht, andererseits kam es gerade in der frühen Besatzungszeit zu Alkoholvergiftungen mit teils tödlichem Ausgang. Lapidar konstatierte ein interner Bericht vom April 1946: „Die Grundlage beinahe sämtlicher Ver- brechen bilden Saufereien und Verbindungen zu einheimischen Frauen, mit allen damit einhergehenden Folgen.“7 Üblicherweise kamen die Armeeange- hörigen bei Trunkenheit mit relativ milden Strafen wie mehreren Tagen Ar- rest davon. Lediglich ein „systematischer Verstoß gegen die Militärdisziplin“ zog auch politische Konsequenzen nach sich. Schwerwiegender waren Fälle von Desertion und die damit einhergehen- den Folgeverbrechen. „Spionage, Preisgabe einer geheimen militärischen oder staatlichen Information, Überlaufen auf die Seite des Feindes, Flucht oder Absetzen ins Ausland“ fielen laut sowjetischer Definition unter den Be- griff des „Vaterlandsverrats“. Bei mindestens zwei desertierten Besatzungs- 7 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 118, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD, Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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