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den Rotarmisten die Uhrenliebe sprichwörtlich. Schließlich hatte es im Krieg
zu den exklusiven Privilegien der Offiziere gehört, eine Armbanduhr – zu-
mindest prinzipiell – beanspruchen zu dürfen. Als „Erlaubnis zur Selbstbe-
dienung“ interpretierten viele die Ende 1944 erteilte Möglichkeit, Pakete in
die Heimat zu senden. Doch auch bei der Demobilisierung oder beim Abzug
der Truppen 1955 nahmen die Besatzungssoldaten mehr mit als bloße Erinne-
rungen. Dem allgemeinen Streben nach „Erwerb“ lag eine spezifische Erklä-
rung zugrunde: Die sowjetischen Truppen rekrutierten sich vorwiegend aus
Bauern, bei denen die Erfahrung des Hungers, der Kollektivierung sowie der
wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes Spuren hinterlassen hatte. Nach
den Jahren des Krieges und der Entbehrung lernten sie eine vergleichsweise
luxuriöse Welt kennen, an deren Wohlstand sie selbst teilhaben wollten. Viele
dachten außerdem an ihre Familien zu Hause, zumal sie wussten, dass es in
der Sowjetunion viele Güter nicht zu kaufen gab. Trophäen konnten später
gegen Alltagsgegenstände eingetauscht werden. So wurden die Märkte in
Moskau oder auch in Taškent 1945 von „fremden Sachen“ überflutet.
Auch „Trunksucht“ galt als eine der häufigsten Formen „amoralischer
Erscheinungen“ unter Stalins Soldaten in Österreich. 84 Prozent aller vom
NKVD registrierten „amoralischen Erscheinungen“ im ersten Quartal 1946
gingen auf dieses „Übel“ mit langer Tradition zurück. Nach Kriegsende
stellte Trunksucht in zweierlei Hinsicht ein zentrales Problem dar: Einerseits
wurden unter Alkoholeinfluss zahlreiche Vergehen begangen und Verkehrs-
unfälle verursacht, andererseits kam es gerade in der frühen Besatzungszeit
zu Alkoholvergiftungen mit teils tödlichem Ausgang. Lapidar konstatierte
ein interner Bericht vom April 1946: „Die Grundlage beinahe sämtlicher Ver-
brechen bilden Saufereien und Verbindungen zu einheimischen Frauen, mit
allen damit einhergehenden Folgen.“7 Üblicherweise kamen die Armeeange-
hörigen bei Trunkenheit mit relativ milden Strafen wie mehreren Tagen Ar-
rest davon. Lediglich ein „systematischer Verstoß gegen die Militärdisziplin“
zog auch politische Konsequenzen nach sich.
Schwerwiegender waren Fälle von Desertion und die damit einhergehen-
den Folgeverbrechen. „Spionage, Preisgabe einer geheimen militärischen
oder staatlichen Information, Überlaufen auf die Seite des Feindes, Flucht
oder Absetzen ins Ausland“ fielen laut sowjetischer Definition unter den Be-
griff des „Vaterlandsverrats“. Bei mindestens zwei desertierten Besatzungs-
7 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 118, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918