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und leselokalitäten, für conversation ist nicht gesorgt. ich kenne beynahe
keine seele, und so geschieht es mir ziemlich oft, daß ich mich, wenn die
Bewegung und das geräusch des tages vorüber ist, am Abende herzlich
langweile und trotz aller Pracht und größe an frankfurt zurück denke, wo
ich jeden Abend meinen traulichen Thee und Chitchat bey Gräfinn Bergen
haben konnte.
um so mehr bin ich bey tage in Anspruch genommen, zwar weniger mit
eigentlichen geschäften als mit einer unzahl von Besuchen, welche ich von
leuten aller Art und jeder klasse erhalte, mitunter interessante, wie z.B.
robert owen, welcher seine socialen theorieen durch die deutsche natio-
nalversammlung verwirklicht zu sehen hofft, mitunter auch sehr langwei-
lige. eine menge deutsche lassen sich bey mir melden, theils um etwas
vorzubringen, um mir nachrichten mitzutheilen, oder auch nur um ihre
freude über das Auftreten des ersten deutschen reichsgesandten auszu-
sprechen, in ähnlichem sinne erhalte ich Briefe aus allen theilen von eng-
land, kurz es ist eine existenz, welche von der, die ich eben verlassen habe,
so himmelweit verschieden ist, daß es mir oft wie ein traum vorkömmt, daß
zwischen dieser und jener nur wenige tage liegen.
mit meiner politischen, diplomatischen stellung bin ich nur halb zufrie-
den. obwohl ich von lord Palmerston, mit dem ich schon mehrere unterre-
dungen hatte, sehr gut aufgenommen worden bin, so verzögert sich meine
Audienz bey der königinn noch immer. diese ist auf der insel Wight und
empfängt dort nur, wenn staatsrathssitzung ist, eine solche war nun am
25., und ich sollte mit Palmerston dahin fahren. da kam aber eine Parla-
mentsverhandlung über die diplomatischen verhältnisse mit rom dazwi-
schen, bey welcher er nicht fehlen wollte, und so ist nun meine Audienz bis
zum 5. verschoben, wo die königinn in die stadt kömmt, um das Parlament
zu schließen, ich fürchtete sogar einen Augenblick, sie werde, ohne hieher
zu kommen und also auch ohne mich zu empfangen, ihre reise nach schott-
land antreten, und ging deßhalb gestern zu Palmerston und schlug einigen
lärmen, erhielt aber von ihm die beruhigendsten versicherungen. raumer
wird nun, anstatt daß ich ihm den Weg bahnen sollte, wie heckscher wollte,
sehr wahrscheinlich vor mir seine creditive überreichen.
obwohl Alles dieses nur in Zufälligkeiten liegt, und ich darin durchaus
keine Zurücksetzung sehen kann, so ist es mir doch deßwegen unangenehm,
weil es bey den minder unterrichteten Anlaß zu glossen geben kann, na-
mentlich da ich eine macht repraesentire, deren eigentliche Bedeutung hier
sehr unklar aufgefaßt wird. die praktischen engländer können es durchaus
nicht begreifen, was eine macht bedeuten soll, die keine eigenen truppen
und finanzen hat, meine stellung ist daher keine leichte, sie zwingt mich
einerseits, mit den größten, entschiedensten Ansprüchen aufzutreten, wäh-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien