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Bewegung hinzu, die des deutschcatholicismus, übrigens dürfte diese neue
Phase möglicherweise gutes stiften, vielleicht gibt sie den Wienern den
sittlichen ernst und die Würde, die ihnen bisher so ganz abging.
Aber auch meiner theilnahme an der frankfurter versammlung bin
ich müde, und meine rolle ist dort zu ende, ich sehe jetzt klar, daß sich
deutschland constituiren muß und wird, aber auch, daß oesterreich sich
von deutschland lossagen muß, und ich freue mich über Beydes, denn auch
die entwicklung deutschlands hat meine lebhaften sympathieen, wenn
auch nur in zweyter linie, ich fürchte nur, daß oesterreich in seinem jet-
zigen rausche der dummheit seine rolle nicht einsehen und erst dann zu
deren erkenntniß kommen werde, wenn es zu spät seyn wird.
in frankfurt aber fängt man schon an, auf die entscheidung zu dringen,
ein so eben eingebrachter Antrag von eisenmann verlangt mit dürren Wor-
ten politische trennung der nichtdeutschen länder oesterreichs von den
deutschen und Allianz deutschlands mit den magyaren gegen die kroaten,
also den untergang der monarchie.1
daß mir unter allen diesen widerstreitenden elementen, zwischen wel-
che ich, und zwar in einer allen Blicken ausgesetzten stellung, geworfen
worden bin, oft ganz elendiglich zu muthe ist, begreift sich, meine Ansicht
ist mir klar und mein entschluß gefaßt, aber der moment der entscheidung
ist noch nicht da, weil die öffentliche meinung noch im unklaren schwebt,
noch nicht hinreichend vorbereitet ist.
neulich begegnete ich im s. Jamesstreet ganz unvermuthet dem für-
sten metternich, welcher hier lebt, viel menschen, namentlich tories, sieht
und, wie ich fürchte, mehr Einfluß hat, als gut ist.
in der italienischen frage scheint oesterreich die französischenglische ver-
mittlung abgelehnt zu haben, mit vollem rechte vielleicht, aber nicht staats-
klugerweise. ob frankreich sich dabey beruhigen wird, ist die frage, von
england bin ich es überzeugt, man will und braucht hier den frieden, irland
und die schlechte ernte geben zu viel zu thun, trotz der großen sympathieen
Palmerstons für carl Albert, dem er die lombardie zuschanzen möchte, um,
wie er mir sagte, eine vormauer gegen frankreich in italien zu gründen! er
glaubt daß das vergrößerte Piemont dann oesterreichs natürlicher Alliirter
wäre!! – – ich erwiederte, daß das, was er beabsichtige, am besten durch einen
1 der bayerische Abgeordnete Johann gottfried eisenmann stellte am 25.8.1848 zwei An-
träge: 1. die nationalversammlung solle eine trennung von verwaltung, Parlament und
Armee zwischen den deutschen und nichtdeutschen teilen österreichs verlangen, da durch
die gemeinsamen institutionen die deutsche einheit gefährdet sei und die österreichische
Armee der freiheit gefährlich werden könne. 2. die Zentralgewalt solle ungarn angesichts
der kroatischen Bedrohung nicht nur durch verhandlungen mit der Wiener regierung,
sondern auch „gegen die kroaten durch rath und that unterstützen.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien