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Tagebücher164
7 monate, nun werden die friedensunterhandlungen ihren Anfang nehmen
– wo? ist noch unbestimmt, man spricht von lübeck oder london, ich bin
herzlich froh, daß wir diesen Alp los sind.
oesterreich hat die anglofranzösische mediation in italien abgelehnt.
Palmerston ist wüthend oder stellt sich so, um uns zu erschrecken. die
französischen Journale speyen feuer und thun, als ob frankreich nun
ohne weiters in italien einrücken müßte, ich denke, ils y regarderont à
deux fois, ehe sie allein mit ganz europa anbinden, denn england wird
trotz Allem, was Palmerston sagen mag, nicht mithalten. die öffentliche
meinung, und darunter alle tories, sind für oesterreichs gutes recht, und
das schändliche feige Benehmen der italiener hat ihnen hier fast alle die
Sympathieen entzogen, welche sie, mir unbegreiflicherweise, hier hatten,
dazu wünscht Alles sehnlichst den frieden und braucht ihn nothwendig,
schon der schlechten Ärnte [sic], der finanznoth und irlands wegen. dage-
gen wird deutschland im falle einer intervention frankreichs (welche die
völkerrechtswidrigste handlung von der Welt wäre, nachdem oesterreich
sich darauf beschränkte, innerhalb seiner grenzen zu bleiben) nicht müßig
bleiben können, und der kaiser von rußland soll sich bereits in gleichem
sinne erklärt haben und schwärmt für radetzky. ich wollte heute mit Pal-
merston sprechen, fand ihn aber nicht, ich will ihm dieses auseinanderset-
zen und ihm meine bestimmte Ansicht über die rolle, welche deutschland
in jenem falle spielen müßte, erklären. es ist überhaupt jetzt noch gar
kein Anlaß da, solch einen lärmen zu erheben, erst wenn oesterreich bey
seinen direkten unterhandlungen mit sardinien Bedingungen erzwingen
wollte, welche unannehmbar erscheinen würden (was ich aber nicht hoffe
und nicht glaube), wäre der moment der einsprache gekommen. Aber für
jetzt ist in der lage der sachen nichts geändert.
endlich ist mein Warten zu ende, ich werde übermorgen von der köni-
ginn in BuckinghamPalace empfangen, am 5. wird das Parlament proro-
girt. mir fällt damit ein stein vom herzen, denn ich gestehe, daß mir in der
letzten Zeit und namentlich nach dem, was mir raumer von Paris schrieb,
wo sie ihm auch lauter Anstände wegen der Anerkennung der centralge-
walt machten, ordentlich bange wurde. trotz dessen fehlen noch immer
einige nuancen einer unumwundenen Anerkennung der frankfurter re-
gierung, man traut eben der sache noch nicht und will es mit den einzelnen
deutschen regierungen noch so lange als möglich halten, besonders steht
mir hierin Bunsen im Wege.
ich nehme mir vor, sobald es meine geschäfte erlauben, das land zu
bereisen, welches weit schöner und interessanter ist als london, diese jetzt
grundlangweilige stadt. neulich war ich in Windsor. morgen sonntag fahre
ich zu robert mohls freund, mr. nicholson in Waverley Abbey bey farn-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien