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Tagebücher168
von deutschland – behutsam – anregen kann. Zwey Anträge des radoteurs
eisenmann: der eine auf trennung der nichtdeutschen Provinzen oester-
reichs von den übrigen, der andere auf Allianz deutschlands mit ungarn,
werden die sache in frankfurt zum durchbruche bringen. ich fange an, in
dieser richtung thätig zu werden, denn ich möchte um keinen Preis, daß
man mich in oesterreich als einen verlorenen, an deutschland verfalle-
nen sohn betrachte, ich habe heute einen langen Brief in diesem sinne an
Bruck geschrieben, welcher österreichischer Bevollmächtigter bey der cen-
tralgewalt geworden ist, ich will sehen, ob er meine Ansichten theilt, und
dann in diesem falle hand in hand mit ihm den feldzug beginnen.1
in ungarn steht die entscheidung vor der thür, d.i. Zerfall ungarns in
3 theile zum frommen der gesammtmonarchie. die magyaren pfeifen auf
dem letzten loche, was mich brennt, ist, daß die leute jetzt in ihrer her-
zensangst diplomatische verbindungen anknüpfen wollen. lazzi teleki ist
in Paris eingetroffen, und Erzherzog Johann hat unbegreiflicherweise von
szálay förmliche creditive angenommen! das ist doch zu arg.
oesterreich hat die mediation in italien angenommen, ohne sich jedoch
über die Basis derselben auszusprechen. das hat Wessenberg meisterhaft
gemacht. es ist niemand mit dem kriege ernst, und wenn oesterreich will,
so wird es Alles behalten, was es früher besaß. leider aber scheint man
in Wien an ein selbstständiges lombardisch venezianisches königreich mit
nationalen institutionen zu denken, was nur soviel heißt, als dasselbe für
ein zukünftiges freyes italienisches reich en dépôt behalten. das venezia-
nische aber muß nach meiner Ansicht mit oesterreich amalgamirt werden,
und um diesen Preis gäbe ich lieber die lombardie auf. das liebste aber
wäre mir ein italienischer staatenbund mit garantirter neutralität, wel-
chem oesterreich mit der lombardie beyträte. Preußen unterstützt aber
auch in italien meine Bemühungen schlecht und scheint keine lust zu ha-
ben, in die mediation einzutreten, während ich darauf bestehe, für die cen-
tralgewalt nämlich. da soll der teufel diplomat seyn.
ich war neulich ein paar tage mit koller bey lord essex in cashiobury
auf der Jagd und lernte da ein stück high life des englischen landlebens
kennen, sehr angenehm, doch gibt es hier eine solche masse kleiner nuan-
cen, daß man einige Zeit braucht, um sich da einzustudiren.
1 Auch seiner schwester gabriele schrieb Andrian am 20.9.1848 in diesem sinn (k. 114, um-
schlag 662): „Ich finde mich unbehaglich in einer Stellung, welche keine österreichische
ist, ich möchte nicht, daß man mich zuhause vergißt und als einen abgefallenen verlorenen
sohn ansieht.“ sie solle daher in Wien überall erklären, „daß ich immer zuerst oesterreicher
war, bin und bleiben werde, warum ich hieher gekommen bin, und daß ich die geringste
stellung in oestereich jeder Anderen vorziehe, ja nie eine Andere annehmen werde“.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien