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September 1848
samstag und sonntag 17. war ich in Brighton, ganz superb. reverend
m. metcalfe traitirte mich und lepel mit einem sehr langweiligen und noch
weit schlechtern diner. ich begegnete da wieder fürst metternich sammt
tochter.
[london] 23. september Abends
schauerhafte ereignisse haben sich in frankfurt zugetragen. die linke
(dieser schändliche ehrlose lumpenpack) hat die durch die Waffenstill-
standsfrage hervorgerufene Aufregung zu einem hauptstreiche benützen
wollen, es ist Blut geflossen und mit Kanonen gefeuert worden. Die Re-
gierung hat aber vollständig gesiegt, und frankfurt ist in Belagerungszu-
stand. das wäre nun Alles nebensache, aber lichnowsky und Auerswald
sind meuchlerisch und auf die grausamste Weise getödtet worden! Also
nach lächerlichem unverstand und knabenhafter Prahlhanserey noch
meuchelmord! und das Alles zur verherrlichung des deutschen nahmens!
Auf lichnowskys leben war es ganz entschieden abgesehen.
gestern bey meiner rückkehr von Broadlands erfuhr ich diese nachrich-
ten, und heute noch kann ich mich von ihrem eindrucke nicht erholen. mein
größter kummer ist, nicht dort zu seyn und das schonungslose schwert der
gerechtigkeit walten zu lassen, denn wäre ich dort, so wäre ich jetzt mini-
ster, und jetzt, jetzt allein möchte ich es auch seyn. Wenn man jetzt, aber
jetzt gleich, kräftig und ohne erbarmen einschreitet, so kann diese blutige
catastrophe der entscheidende wohlthätige Wendepunkt für deutschland
werden. die schuldigen und Aufwiegler in und außerhalb der nationalver-
sammlung müssen fallen. so schrieb ich auch gleich an schmerling, welcher
eine lobenswerthe festigkeit gezeigt hat, ich glaube, er ist jetzt an seinem
Platze. Aber jetzt immer 24 stunden, ja morgen, da sonntag ist, sogar 48
stunden lange auf die nachrichten warten zu müssen, ist mir eine marter.
dieses ruhige england, wo noch Alles so aussieht wie vor 200 Jahren, und
meine hiesige unthätigkeit im vergleiche zu der Aufregung, an welche ich
mich nun seit 7 monathen gewöhnt habe, sind mir in diesem Augenblicke
gleich unerträglich.
das frühere cabinet ist provisorisch wieder eingetreten, mit Ausnahme
Heckschers, welcher sich flüchten mußte, und Beckeraths, der in Berlin ein
neues ministerium zu bilden sucht.
ich fuhr also vorgestern zu tische nach Broadlands und trug lord Pal-
merston nach tische die Absicht der centralgewalt, an der vermittelung
in der italienischen frage theilzunehmen, vor, wie ich es erwartete und es
auch schon vorläufig nach Frankfurt geschrieben hatte, antwortete er gar
nichts, vor Allem müsse diese mittheilung an die kriegführenden Parteyen
geschehen, und erst wenn diese darauf geantwortet haben würden, könn-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien