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Tagebücher178
ich hoffe, es wird nun ein entscheidender schlag geführt werden, denn
wenn jemals, so sind die dinge jetzt dazu reif. der kaiser soll das ministe-
rium und den reichstag zu sich berufen und Wien blokiren lassen. letzte-
res halte ich für wahrscheinlich, Auersperg steht mit 16.000 mann am Bel-
vedere. ich bin für eine Blokade, aber nicht für ein Bombardement – wäre
ich dort! – ich zweifle, daß sie einen Schnitter für diese Erndte haben, ich
wäre ein solcher, anstatt dessen muß ich hier sitzen, in diesem verlegenen
Winkel europas, ich sehe fortwährend mit sehnsucht nach der thür, ob
nicht eine Botschaft des kaisers komme, die mich zu ihm ruft. einer eigen-
schaft, die nur Wenige haben, bin ich mir bewußt: des politischen muthes,
ja der politischen Waghalsigkeit, wenn es seyn muß, ich habe die nachwelt
und die geschichte im Auge, und deßwegen würde ich mich darüber trö-
sten, wenn ich über einen großartigen versuch zu grunde ginge. übrigens
habe ich die überzeugung, daß ich helfen könnte. seit monathen stehe ich
so, außer oder eigentlich neben der österreichischen Bewegung, sehe die
fehler, die man begeht, sehe die mittel, welche uns retten können, und
kann sie nicht anwenden. diese lage ist unerträglich.
so eben höre ich, daß Jellachich sich gegen Wien gewendet hat, das ist
ein verderblicher fehler, denn dadurch wird ungarn frey und die kossuth-
sche fraction stark. Auersperg sollte Wien bloquiren und verstärkungen
an sich ziehen.
[london] 20. oktober
ganz europa sieht mit spannung auf Wien. dort bereitet sich eine kata-
strophe vor, welche, wie ich hoffe, für oesterreich und für das monarchische
Princip in ganz europa eine günstige seyn und uns endlich wieder zu ver-
nünftigen Zuständen zurückführen wird. Jellachich und Auersperg halten
Wien blokirt, von allen seiten rücken truppen heran, Windischgrätz aus
Böhmen, schlick von krakau, der kaiser ist in mähren und zeigt große
festigkeit, die sogenannte ungarische Armee, welche bey Bruck a/l. steht,
ist ein zusammengelaufenes gesindel und scheint keine lust zu haben, mit
Jellachich & c. anzubinden, in Wien herrscht die gräulichste confusion,
und Alles flüchtet. Jetzt oder nie ist der Augenblick da, dem ganzen Lum-
penpack in Wien den garaus zu machen, es zeigt sich immer mehr, daß die
ganze geschichte durch ungarisches geld angezettelt worden ist.
Was wird aber geschehen, wenn Wien bezwungen und dieser herd der
revolution erstickt ist? darauf kömmt Alles an, ich glaube zwar nicht an
eine reaktion, aber an ungeschicklichkeiten und leidenschaftlichkeit, und
fürchte erzherzogin sophie, wäre ich nur dort, ich kann es nicht recht be-
greifen, warum man mich nicht ruft. doblhoff, Bach und hornbostel haben
abgedankt. die schwierigkeiten sind allerdings ungeheuer. diese letzten
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien