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Tagebücher180
ich habe noch immer kein Wörtchen instruktionen von frankfurt hier-
über erhalten, obwol ich schmerling (im Privatwege) regelmäßig von Allem,
was ich gethan, in kenntniß gesetzt habe. doch glaube ich nach Allem, was
ich höre und in gutunterrichteten deutschen Zeitungen lese, sicher zu seyn,
nicht désavouirt zu werden. die englischen Zeitungen sprechen stark von
diesen meinen schritten, und ich habe sie der Allgemeinen Zeitung mitthei-
len lassen. diesem Auftreten deutschlands schreibe ich es hauptsächlich
zu, daß die Regierung und die Kammern in Turin sich nun definitiv gegen
die Wiederaufnahme der feindseligkeiten erklärt haben, und der friede
vor der hand gesichert ist.
in Wien geht die sache zu ende, die ungarn haben sich zurückgezogen,
weil die sogenannte ungarische Armee gegen die k.k. truppen nicht fechten
wollte. Wien ist cernirt, Windischgrätz commandirt, in der stadt herrscht
Anarchie und Bestürzung, ist Wien über, so wird der Anarchie hoffentlich
der kopf zertreten, so sprechen die letzten, sehr festen, fast zu festen, ma-
nifeste des kaisers, ich bedauere, daß darin auch eine Beschränkung der
volkswehr erwähnt ist, obwol im Princip gegen jede nationalgarde, halte
ich es doch jetzt nicht für klug, an dem den oesterreichern so theuren in-
stitute zu rütteln. übrigens ist die ganze sache falsch behandelt worden.
man hätte gleich Anfangs den reichstag nach olmütz etc. berufen sollen,
so aber hat man ihn fast gezwungen, mit dem empörten Pöbel gemeinsame
sache zu machen, und hat die gemäßigten mit den wenigen radicalen zu-
sammengeworfen.1
in frankfurt debattirt man jetzt über das verbleiben oesterreichs bey
deutschland, als ob dieses in frankfurt entschieden werden könnte, übri-
gens ist die frage schon so ziemlich von beyden seiten verneinend entschie-
den.
london 10. november 1848
Wien ist eingenommen. der Belagerungsstand erklärt, die entwaffnung der
nationalgarde beendet, die academische legion endlich aufgelöst, gegen
die verlegung des reichstags nach kremsier scheint sich keine erhebliche
Opposition zu erheben, es bleibt also nur noch Ungarn zu pacificiren, auch
dieß wird hoffentlich nicht sehr schwer fallen, der moralische eindruck
des falles von Wien wird wirken. ohnehin waren eigentlich nur kossuth
1 „die ganze sache ist so schlecht als möglich geführt worden, man hätte den reichstag
gleich nach olmütz etc. berufen sollen, so aber hat man ihn quasi gewaltsam in die opposi-
tion gedrängt und die große Anzahl derer, welche dem rufe des kaisers gefolgt wären, mit
der geringen radicalen minderheit zusammengeworfen, das wird noch eine harte nuß zu
knacken geben.“ (Andrian an seine Schwester Gabriele, 28.10.1848; K. 114, Umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien