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Tagebücher184
lich schmerling übel, der das dortige terrain kennen sollte. überhaupt ist
das ein minister zum erbarmen, jeder tag bringt neue ungeschicklichkei-
ten, von einer auswärtigen Politik haben die kerls gar keine idee, ich höre
und erfahre nichts und habe trotz aller meiner Briefe über Alles, was ich
hier seit monaten gethan und gesagt, noch immer kein Wort als Antwort
erhalten. Zum glücke wird jetzt könneritz das ministerium übernehmen,1
vielleicht wird es da besser, schlechter kann es nicht werden.
Aber in Allem und Jedem hat das reichscabinet seine stellung verfehlt
und sich namentlich zum lehrjungen der nationalversammlung hergege-
ben. Jede neue nachricht aus frankfurt bringt mich aus meinem guten hu-
mor, und ich schäme mich, eine gewalt zu repräsentiren, die so stupid und
durch eigene schuld ohnmächtig ist, wäre es nicht wegen oesterreichs in
der italienischen frage, so wäre ich schon längst auf und davon gegangen.
übrigens sehe ich immer mehr ein, daß die ganze schaffung einer central-
gewalt ein Mißgriff war, hätten wir bis zur Herstellung des Definitivums
den Bundestag beybehalten, es wäre in jeder Beziehung besser gewesen.
Aber so haben wir nur ein Zerrbild einer constitutionellen regierung ohne
constitution und mit einer versammlung, welche constituirend, legislativ
und administrirend zugleich ist.
Wegen italien dürften die conferenzen nun bald in Brüssel beginnen.
ich fürchte, das reichsministerium wird trotz meiner Warnungen und
rathschläge wieder übertölpelt und von der theilnahme ausgeschlossen
werden, wo nicht, so möchte ich als Bevollmächtigter dahin gehen. dieses
müßige und noch dazu grundlangweilige leben hier habe ich satt, die sta-
bilität der hiesigen Zustände zu bewundern bin ich nicht aufgelegt, und
sie zu studiren (was mich allerdings zu jeder andern Zeit sehr interessirt
hätte), dazu habe ich keine hinreichende Zeit vor mir, denn lange bleibe ich
doch nicht hier, auf keinen fall im dienste der centralgewalt, sie wird ja
selbst nicht mehr lange dauern, und auch das verhältniß oesterreichs wird
sich bald entscheiden, und dann schnüre ich mein Bündel.
mein Aufsatz über dieses verhältniß ist endlich in der kölner Zeitung
erschienen,2 und ich habe ihn in mehrern exemplaren nach oesterreich ge-
1 gemeint ist wohl der sächsische Politiker Julius traugott v. könneritz, der jedoch nicht
nachfolger von Anton r. v. schmerling wurde, der bis 15. dezember 1848 im Amt blieb.
2 kölnische Zeitung v. 10.11.1848, Außerordentliche Beilage: das künftige verhältniß oes-
terreichs zu deutschland. frankfurt, im oktober 1848. darin heißt es, wenn man „gegen
die natürliche Bestimmung und die interessen des österreichischen staates diesen zur
vereinigung (oder, eigentlicher gesagt, zum Aufgehen) mit deutschland zwingen will, so
befördert man nur den nahen Zerfall der monarchie und leistet daher auch deutschland,
welches ein starkes oesterreich nothwendig braucht, und ganz europa einen schlechten
dienst. Ja, ich glaube sogar, daß es fast auch mehr im interesse deutschlands als oes-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien