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18526.
November 1848
schickt, überhaupt viele Briefe in dieser hinsicht geschrieben, was in mei-
nen kräften steht, das thue ich.1 das neue ministerium stadion – schwar-
zenberg – Bruck scheint zu stande zu kommen.
ich denke, bald auf ein paar tage nach frankfurt zu gehen, und mich
dort ein Bischen umzusehen. das hiesige leben ist zum verzweifeln mono-
ton und ohne alles interesse. heute will ich auf ein paar tage nach Brighton
gehen, um wenigstens eine frische gesunde luft zu athmen.
[london] 26. november vormittag
ich brachte ein paar superbe tage in Brighton zu, vorzugsweise mit kiel-
mansegge und auch mit den beyden ultrapolitischen Weibern fürstinn lie-
ven und lady holland, welche beyde nur von politischen neuigkeiten, also
von einer Post zur andern leben, letztere lebt zwar auch noch für andere
dinge. von Brighton fuhr ich nach Portsmouth und sah mir die dockyards
an.
gestern bin ich von einer höchst interessanten 2tägigen excursion nach
oxford zurückgekehrt, es ist dieß unbedingt das merkwürdigste, was ich
bisher in england gesehen habe. diese herrlichen Bauten, diese reichen
colleges und Anstalten und diese mittelalterliche luft voll klösterlicher
terreichs liegt, daß Oesterreich nicht beitrete; denn Oesterreich mit seinen verschiedenen
nationen und interessen wird für deutschland immer ein hemmschuh sein, wenn es zu
deutschland gehört. […] Ja, ich gehe soweit, zu behaupten, daß die deutsche einheit nie
vollkommen hergestellt werden wird, so lange oesterreich mit seinen bisher zum deutschen
Bunde gehörigen Provinzen sich zu deutschland zählen wird.“ österreich müsse dagegen
durch möglichst enge völkerrechtliche verträge der innigste Bundesgenosse deutschlands
bleiben: „ich sehe nicht ein, warum zwei Brüder nicht gute freunde bleiben sollen, wenn
sie auch, ihres beiderseitigen wohlverstandenen interesses wegen, zwei abgesonderte ge-
schäfte betreiben. – Wenn sich also deutschland und oesterreich auf dem Wege friedlicher
verständigung politisch trennen, so kann dessen ungeachtet das allerfreundlichste ein-
vernehmen fort herrschen. dagegen, wenn man eine unnatürliche Allianz zwischen beiden
erzwingen will, so wird man die widerstrebenden interessen zu einem feindseligen Wider-
stande reizen, und wenn dieser einmal – was über kurz oder lang doch geschehen wird
– zum Ausbruche kommt, so wird sich deutschland statt eines freundes einen feind ge-
macht haben.“ die redaktion erklärte sich im Allgemeinen mit dem Artikel einverstanden.
lediglich die Behauptung, österreich habe das formelle, unbestrittene recht, auszutreten,
sei gerade „im munde eines österreichischen Abgeordneten so irrig wie möglich.“ es habe
den neuen Bund durch die entsendung von deputierten nach frankfurt anerkannt, und
ein Austritt sei daher „ohne gesetzwidrige Auflehnung“ nur im Verhandlungsweg möglich.
1 Andrian hatte den Aufsatz auch seiner schwester gabrielle geschickt, um ihn in einer
Wiener Zeitung zu platzieren: „Wenn man nicht jetzt die ungarische frage radical behan-
delt, d.h. ungarn zerreißt und nach Wien concentrirt, so ist diese gelegenheit vielleicht auf
immer verlohren. Aber wir haben noch immer keine minister, und werden diese die leute
für so etwas seyn?!“ (Andrian an seine Schwester, 28.11.1848; K. 114, Umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien