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Tagebücher188
der Absendung französischer truppen noch nichts zu wissen,1 meiner An-
sicht nach ändert diese den ganzen stand der französischenglischen media-
tion und macht diese unmöglich.
ich übernachtete in dover, da mir das Wetter zu stürmisch war, um nach
ostende überzufahren. selbst die fahrt nach calais tags darauf war sehr
stürmisch, und ich wurde seekrank, am selben tage kam ich nicht weiter
als bis lille, tags darauf Abends 9 nach cöln, von wo ich meinen Jäger mit
der Bagage per dampfschiff weiter schickte und mit dem englischen cou-
rier leutnant macdonald per Post nach mainz fuhr, wo ich um 12 mittags
ankam und um 4 hier war und im russischen hofe wohne.
ich ging gleich zu schmerling und fand ihn mißmuthig und ziemlich
découragirt über die maßlosen Angriffe der linken und die ungeschickte
und ungenügende unterstützung, die er von seiten der majorität erhält.
dadurch werden die ewigen interpellationen und debatten über Allottria
möglich. schmerlings stellung wird nebstdem als oesterreicher immer
schwieriger wegen der immer zunehmenden Wahrscheinlichkeit, daß oe-
sterreich ausscheiden werde.
diese überzeugung scheint allgemein, so wie auch die, daß demnach
Preußen an die spitze treten müsse (so unpopulär sich auch der könig und
seine regierung ungeschickterweise gemacht haben) und es mit oesterreich
höchstens auf einen staatenbund hinausgehen werde. viele fordern schon
den Austritt der österreichischen Abgeordneten, welchen ich dagegen aus
politischen und juristischen gründen für unstatthaft ansehe. seit gestern
ist nun das Programm des neuen österreichischen cabinets hier bekannt
geworden, welches felix schwarzenberg als Präsident dem reichstage in
kremsier unter allgemeinem Beyfalle vorgetragen hat. dieses ist würdig,
freysinnig und fest, erklärt hinsichtlich italiens die Aufrechterhaltung des
vollen gegenwärtigen Besitzstandes (welchen f. schwarzenberg in einer
neuesten an die centralgewalt gerichteten, ziemlich leidenschaftlichen und
nach metternich riechenden note auf das Bestimmteste festhält und daher
den gegenstand einer etwaigen mediation auf die frage der kriegskosten
beschränkt) und in Betreff des verhältnisses zu deutschland: daß erst das
neu constituirte oesterreich mit dem neu constituirten deutschland über
sein künftiges verhältniß unterhandeln könne, also erst nach Beendigung
beyder Verfassungen, daß es aber inzwischen seine Bundespflichten ge-
treulich erfüllen werde. übrigens erklärt es sich ganz bestimmt für eine
1 Auslöser für den Ausbruch der revolution in rom war die ermordung des gemäßigten
Ministerpräsidenten Pellegrino Rossi am 15.11.1848, Papst Pius IX. flüchtete am 24. No-
vember aus der stadt. Zum einmarsch französischer truppen zur Wiederherstellung der
päpstlichen macht kam es allerdings erst im April 1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien